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Wie schaut konkret christliches Handeln aus?

Paulus Chorraumfenster St. Marien Hof
Datum:
Veröffentlicht: 3.9.22
Von:
Stefan Fleischmann
Wie schaute konkret christliches Handeln im Kontext einer hellenistisch geprägten Gesellschaft aus? Und was können wir für das Heute daraus lernen? Der Paulusbrief gibt darüber Auskunft.

In der heutigen Lesung aus dem Brief des Apostels Paulus an Philemon erfahren  wir von einer Beziehung  freundschaftlicher Prägung an  einem ungewöhnlichen Ort: im Gefängnis, und zwar zwischen Paulus und Onesimus.  Paulus, mittlerweile ein großer Gründer christlicher Gemeinden, und Onesimus, ein entlaufener Sklave aus der christlichen Gemeinde in Kollosä. Dabei kommt Philemon, sein Herr und der Adressat des Briefes, ins Spiel.

Wie schaute konkret christliches Handeln im Kontext einer hellenistisch geprägten Gesellschaft aus? Und was können wir für das Heute daraus lernen? Der Paulusbrief gibt darüber Auskunft:

  1. Im Urchristentum bleiben die Stände (Herren und Sklaven) harte Realität. Die Christen können daran grundsätzlich nichts ändern. Was die Christen im 1. Jahrhundert von anderen unterscheidet ist die Haltung, wie sie sich –trotz aller Unterschiede – auf Augenhöhe begegnen. In Christus sind alle frei. (vgl. Gal 5,1) Da gibt es sozusagen keine Unterschiede.  Auf dieser Grundlage entsteht die Freundschaft zwischen Paulus und Onesimus. Paulus bezeichnet ihn sogar als „Bruder“, „dem ich im Gefängnis zum Vater geworden bin“, als vollwertigen Ersatz und Mitarbeiter für Philemon.


Das Evangelium legt den Finger in die Wunde, gesellschaftliche Grenzen wahrzunehmen und Hürden abzubauen – bis heute: Ein Ministrant mit Trisomie 21 steht mit anderen Kindern und Jugendlichen in der Sakristei und am Altar – ganz selbstverständlich und in einer wohltuenden Atmosphäre; einst Flüchtlinge sind Jugendliche jetzt voll integriert bei den Pfadfindern; ein Familienvater, der in seiner Freizeit alte Menschen im Seniorenheim besucht;  ein Firmeninhaber, der sich für Belange der Gemeinde interessiert und sich in ihr engagiert: In Jesus Christus werden Menschen zum Bruder und zur Schwester.

  1. Paulus ist kein Gemeindeleiter gewesen, jedoch ein Gemeindegründer, der weiterhin Kontakte und Beziehungen pflegte. Er ist angesehen und ausgestattet mit einer hohen Autorität: „Obwohl ich durch Christus die volle Freiheit habe, dir zu befehlen, was du tun sollst, ziehe ich es um der Liebe willen vor, dich zu bitten.“ (Phlm 8) Sehr  einfühlsame Worte richtet Paulus nun an Philemon, dass er seinen Sklaven Onesimus freilässt und wieder zu sich nimmt. Wie macht er das? Paulus stülpt nichts über, er befiehlt nichts, er möchte auch nicht tricksen, keinen überreden oder gar manipulieren. Vielmehr erläutert er und ist dabei einfühlsam; er wirbt um die gute Sache und bietet sich sozusagen als Bürgen an. Für Paulus ist der „Fall“ Onesimus zu einer Herzensangelegenheit geworden!


Das Gegenteil davon wäre, „Augen zu und durch“, „koste es, was es wolle“, „den Stab übers Knie brechen“. In der Betriebsamkeit des Alltags oder im Kontext zahlreicher Projekte und Prozesse kann diese Strategie zur Gewohnheit werden. Doch der Mensch ist mehr - Leib, Geist und Seele! Im rechten Augenblick, bei bestimmten Gelegenheiten, selbst in wichtigen Entscheidungsprozessen, sollte das gesagt werden, was auf dem Herzen liegt und was von Herzen kommt. Paulus hat das offenbar verstanden, Philemon zum Nachdenken anzuregen bzw. ihn zum Handeln zu motivieren.  Sozusagen:  „Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von jedem Wort, das aus dem Munde Gottes, das aus dem Herzen eines Menschen, kommt.“

Offen bleibt, ob Paulus wirklich Erfolg hatte. Jedoch ist das zweitrangig, wenn es um den Anspruch christlichen Handelns geht.