"Wie konnte es nur so weit kommen?"
Aus dem Buch der Chronik (2 Chr. 36)
In jenen Tagen
begingen alle führenden Männer Judas
und die Priester und das Volk viel Untreue.
Sie ahmten die Gräueltaten der Völker nach
und entweihten das Haus,
das der Herr in Jerusalem zu seinem Heiligtum gemacht hatte.
Immer wieder hatte der Herr, der Gott ihrer Väter,
sie durch seine Boten gewarnt;
denn er hatte Mitleid mit seinem Volk und seiner Wohnung.
Sie aber verhöhnten die Boten Gottes,
verachteten sein Wort
und verspotteten seine Propheten,
bis der Zorn des Herrn gegen sein Volk so groß wurde,
dass es keine Heilung mehr gab.
Impulsfrage:
Das Buch der Chronik (3. Jahrhundert vor Christus) gibt eine Erklärung auf die Frage: „Wie konnte es nur so weit kommen?“
- Ist mir eine solche Frage vertraut in Anbetracht meines Lebens, unserer Welt und unserer Zeit: „Wie konnte es nur so weit kommen?“
- Kenne ich eine solche Frage, die mein Gottesbild auf den Prüfstand oder sogar auf den Kopf stellt: „Wie konnte es nur so weit kommen, dass Gott streitbar, eifersüchtig und zornig ist; dass er sich nicht mehr besänftigen lässt; dass ich ihn nicht mehr verstehe, wie er handelt, entscheidet in seiner ihm eigenen Souverenität?“
Buch der Chronik
Die Verfasser der Chronikbücher werfen einen sehr kritischen Blick auf die Geschichte ihres Volkes. Sie sind überzeugt: Jerusalem wurde zerstört und Israel musste ins babylonische Exil, weil die Menschen den Tempelkult verfälscht und sich dem Wort Gottes verschlossen hatten. Doch das ist nicht das letzte Wort. Von unerwarteter Seite kommt Befreiung. Gott rettet sein Volk ausgerechnet durch den persischen König Kyrus: „Er selbst hat mir aufgetragen, ihm in Jerusalem in Juda ein Haus zu bauen. Jeder unter euch, der zu seinem Volk gehört – der Herr, sein Gott, sei mit ihm – der soll hinaufziehen. Gott hält allem äußeren Anschein zum Trotz alle Fäden in seiner Hand. Für Gott ist letztlich kein Ding unmöglich, auch wenn für den Menschen alles zu spät ist. Mit ihm kann immer und jederzeit gerechnet werden – mit einer Wendung und einer neuen Perspektive. Das nährt die Hoffnung auf einen guten Ausgang der Dinge, die oft schwierig und undurchsichtig sind, versehen mit Licht und Schatten, mit Gutem und Bösem, mit Freude und Leid.
Gebet
Herr unser Gott,
wie konnte es nur soweit kommen,
so fragen wir uns heute.
In deiner Liebe schenkst Du uns Selbsterkenntnis,
die Erkenntnis des eigenen Unvermögens,
die Erkenntnis der eigenen Begrenztheit,
die Erkenntnis des eigenen Versagens.
In unserem Vertrauen lassen wir uns von dir erkennen
und sehen dabei unsere eignen Fehler, die uns von dir trennen,
aber auch dich, der zu heilen vermag.
Wir loben und preisen dich für neue Zukunftswege,
die du uns eröffnest, weil Du Leben bist und das Leben willst,
und zu jedem sagst: „Ich will, dass du bist.“
Amen.