„Wenn uns das innerste Pünktlein abhanden kommt“

Martin Buber erzählt aus der chassidischen Tradition: Der Rabbi erging sich einmal an einem Sommerabend mit seinem Enkel im Hof des Lehrhauses. Er begann zu reden: Wenn einer Rabbi wird, müssen alle nötigen Dinge da sein: ein Lehrhaus und Zimmer und Tische und Stühle, und einer wird Verwalter und einer wird Diener und so fort. Und dann kommt der böse Widersacher und reißt das innerste Pünktlein heraus, aber alles andere bleibt wie zuvor, und das Rad dreht sich weiter, nur das innerste Pünktlein fehlt!" Der Rabbi hob die Stimme: "Aber Gott helfe uns: Man darf’s nicht geschehen lassen." (aus: Buber, Martin, Die Erzählungen der Chassidim, Zürich 1990, S. 830).
Diese Geschichte kam mir vor Pfingsten wieder in den Sinn. In zweierlei Hinsicht. Ich erinnerte mich an einen Mann, der mir seine Geschichte erzählte. Sie hat mich sehr bewegt: Er wollte es allen recht machen. Seine Ziele waren hoch gesteckt. Im Beruf hatte er Leistung bringen müssen. In der Partnerschaft lief es richtig gut, so dass sie sich einige Zeit später entschlossen, ein Eigenheim zu bauen. Die eigenen vier Wände waren ihnen wichtig. Sie wollten viel Eigenleistung erbringen, um Geld zu sparen. Und es sollte vor allem schön und praktikabel werden. Die Abende und die Wochenende verbrachten wir von nun an auf unserer Baustelle. Mittlerweile kam das erste Kind. Das Haus war fertig und perfekt. Aber wie sind nie dort eingezogen. Was ist passiert? Wir lebten uns in all den Jahren immer mehr auseinander. Wir verloren unsere Liebe zueinander.
Ein anderes Beispiel: Vom Erzbistum werden uns viele Projekte und Prozesse auferlegt. Unser Erzbistum Bamberg strukturiert und organisiert sich neu – um zukunftsfähig zu sein. Das ist so gewollt und gut so, damit wir unseren kirchlichen Auftrag erfüllen und unsere Aufgaben in Liturgie, Diakonie und Verkündigung ausüben können. Vor Ort gibt es zahlreiche Aufgaben, für die wir in der Pfarrei und im Seelsorgebereich Verantwortung übernommen haben und entsprechend den gesetzlichen Vorgaben in Verwaltung und Pastoral gerecht werden müssen. Präventionsschutzkonzept, Datenschutzverordnung, Ablagesysteme, elektronischer Terminkalender, u. v. a. sind Ehren- und Hauptamtlichen kein Fremdwort mehr. Ein mittelständischen Unternehmen also, das mit den Gremien und den entsprechenden ehramtlichen Entscheidungsträgern nur schwer kompatibel ist bzw. sich jetzt neu definieren muss. Ein Suchprozess, wie es gehen kann.
Liebe Schwestern und Brüder,
das Rad dreht sich weiter, und immer schneller, nur das innerste Pünktlein kommt abhanden. Was beide Geschichten gemeinsam haben: Irgendwann ist der Punkt erreicht, ohne es richtig zu merken, wo keine Freude, kein Leben und keine Erfüllung mehr zu finden ist.
Aber Gott helfe uns: Man darf`s nicht geschehen lassen. Was ist das innerste Pünktlein? Erst kürzlich flüsterte mir ein Gottesdienstbesucher am Ausgang der Kirche ins Ohr: „Der Glaube, dass die Menschen doch nicht so schlecht sind und die Hoffnung auf Gott, der zum Schluss alles gut macht und auch seinen Teil dazu beiträgt.“ Könnte man so unterschreiben?! Wir haben heute nochmals das Pfingstevangelium gehört: „Da trat Jesus in ihre Mitte. (...) Da freuten sich die Jünger.“ Wo Jesus Christus bei unseren Diskussionen, Debatten und Auseinandersetzungen (auf den unterschiedlichen Ebenen unserer kath. Kirche) zum Nebenschauplatz oder gar zur Nebensächlichkeit wird, geht uns das innerste Pünktlein verloren. Wo wir uns nicht mehr vom Heiligen Geist beseelen lassen, der uns befähigt, Jesu Worte und Taten zu beherzigen und ihm zu folgen, dort fahren wir an die Wand!
Liebe Schwestern und Brüder,
was können wir tun? Hier hat jeder so seine Strategie entwickelt oder muss sie noch finden. Kreative Pausen – z. B. der Sonntag, tragen dazu bei, Kraft zu schöpfen, herauszutreten und wieder einen Überblick zu gewinnen. Kreative Pausen können ganz unterschiedlich aussehen: mal etwas ganz Anderes machen, andere Leute treffen, andere Gebete sprechen, andere Gewohnheiten ausprobieren. Manchmal ist es schon eine Hilfe, wenn man sich besser abgrenzt und öfter mal "Nein" sagt. Manche Menschen werden durch eine Krankheit oder einen Unfall zu einer solchen kreativen Pause gezwungen.
Doch auch ohne diesen Zwang tut es gut, sich gelegentlich zu fragen, ob das eigene, individuelle innerste Pünktlein noch da ist! Wenn ja, will es gepflegt, gefördert und unterstützt werden, dass der böse Widersacher keine Chance hat.
Das Pfingstfest möchte Anregung und Impulsgeber dafür sein. Amen.