Vergeben und vergessen

Liebe Gemeinde
Der Fotograf Walter Schels, der im Laufe der Jahre viele Kinder in den ersten Minuten nach der Geburt fotografiert hat, hat Interessantes beobachtet. Er schreibt:
Zum ersten Mal sah ich das Gesicht eines neugeborenen Menschen. Aber ich hatte keine Zeit, genau hinzuschauen, ich musste fotografieren, durfte keine Sekunde verpassen. Später, beim Betrachten der Fotos, entdeckte ich etwas für mich völlig Unerwartetes: Nicht ein gesichtsloses Neugeborenes schaut mich da an, sondern ein Gesicht mit Vergangenheit. Wissend. Ur-Alt.
Es war immer auch die Weisheit in den Gesichtern, die mich bewegte. Das scheinbare Wissen über die großen Fragen des Lebens, woher wir kommen, wohin wir gehen. Am liebsten hätte ich diese kleinen, allwissenden oder alles ahnenden Wesen mit meinen Fragen bedrängt. Antworten von ihnen geholt, ehe sie anfangen zu vergessen. Denn das Vergessen beginnt, vermute ich, bereits in den ersten Lebensminuten.
Vergessen, das ist das Schlüsselwort, das uns heute in der Predigt begleiten wird. Vergessen als absolute Notwendigkeit?
Eigentlich ticken wir anders. Wenn wir uns streiten, summieren wir in gegenseitigen Vorwürfen oft alles auf, was uns in den Sinn kommt. Die Vorwürfe sollen ja treffen. Alles kommt auf die Tagesordnung. Die Vergangenheit holt uns ein. Eine besonders fiese Spielart ist es, wenn Menschen ‚historisch’ werden und dann sagen: „Ja, ja, vergeben ist das alles schon, aber nicht vergessen!“
Vergeben, aber nicht vergessen. Wir alle kennen diesen Satz. Er geht übrigens auf den ersten Reichskanzler Fürst Otto von Bismarck zurück. In seinen Erinnerungen bringt er immer wieder zum Ausdruck, dass man zwar vergeben sollte, aber niemals das Vorgefallene vergessen darf. Zu einem geflügelten Wort ist dieser Grundsatz geworden und kaum jemand weiß noch, dass er eigentlich dem taktischen und politischen Kalkül eines außergewöhnlichen Staatsmannes unserer Geschichte entspringt.
„Vergeben? Ja!“, sagen wir dann aus christlichem Pflichtgefühl; „aber vergessen? Nein, niemals! Und verlassen unser Christ sein sofort wieder. Nein, bewusst wollen, ja können wir eigentlich gar nicht vergessen und behalten uns damit ein Stückchen Nichtvergebung in Reserve, gewollt und ungewollt. Um dieses Stückchen Nichtvergebung, um das geht es. Denn dadurch bleibt unsere Vergebung nur bruchstückhaft. In unserem Innern bleibt eine unüberwindliche Barriere, eine Mauer, ein unüberbrückbarer Graben bestehen.
„Niemand kann eben über seinen eigenen Schatten springen“, so rechtfertigen wir uns selbst und schaffen damit schon wieder neuen Streitigkeiten Raum. Ein Kreislauf setzt sich in Bewegung, der kein Ende mehr findet, nur immer heftiger und stürmischer unser Leben umtreibt.
Ist Vergeben und Vergessen, also vollständige Vergebung ohne Rückbehalt, überhaupt möglich?
Wie oft muss ich Vergeben, damit vergessen geschieht, wie lange dauert Aufarbeitung?
Keiner weiß die Antwort zu beziffern.
Auch die Jünger Jesu wurden von diesen Fragen bewegt. Petrus fragt darum genauer nach und erhält von Jesus eine klare Antwort.
Im Matthäusevangelium, Kapitel 18, Verse 21 bis 35, dem Predigtabschnitt für den heutigen Sonntag, können wir diese Antwort nachlesen. Sie ist verbunden mit dem bekannten Gleichnis vom unbarmherzigen Gläubiger.
Da trat Petrus zu ihm [zu Jesus] und fragte: Herr, wie oft muss ich denn meinem Bruder, der an mir sündigt, vergeben? Genügt es siebenmal? Jesus sprach zu ihm: Ich sage dir: nicht siebenmal, sondern siebzigmal siebenmal.
Darum gleicht das Himmelreich einem König, der mit seinen Knechten abrechnen wollte. Und als er anfing abzurechnen, wurde einer vor ihn gebracht, der war ihm zehntausend Zentner Silber schuldig. Da er’s nun nicht bezahlen konnte, befahl der Herr, ihn und seine Frau und seine Kinder und alles, was er hatte, zu verkaufen und damit zu bezahlen. Da fiel der Knecht zu Füßen und flehte ihn an und sprach: Hab Geduld mit mir; ich will dir’s alles bezahlen. Da hatte der Herr Erbarmen mit diesem Knecht und ließ ihn frei, und die Schuld erließ er ihm auch.
Da ging dieser Knecht hinaus und traf einen seiner Mitknechte, der war ihm hundert Silbergroschen schuldig; und er packte und würgte ihn und sprach: Bezahle, was du mir schuldig bist! Da fiel sein Mitknecht nieder und bat ihn und sprach: Hab Geduld mit mir; ich will dir’s bezahlen. Er wollte aber nicht, sondern ging hin und warf ihn ins Gefängnis, bis er bezahlt hätte, was er schuldig war.
Als aber seine Mitknechte das sahen, wurden sie sehr betrübt und kamen und brachten bei ihrem Herrn alles vor, was sich begeben hatte. Da forderte ihn sein Herr vor sich und sprach zu ihm: Du böser Knecht! Deine ganze Schuld habe ich dir erlassen, weil du mich gebeten hast; hättest du dich da nicht auch erbarmen sollen über deinen Mitknecht, wie ich mich über dich erbarmt habe? Und sein Herr wurde zornig und überantwortete ihn den Peinigern, bis er alles bezahlt hätte, was er ihm schuldig war.
So wird auch mein himmlischer Vater an euch tun, wenn ihr einander nicht von Herzen vergebt, ein jeder seinem Bruder.
In dieser Beispielgeschichte, die Jesus damals Petrus und heute uns erzählt, ist alles maßlos.
Maßlos ist die Verschuldung des Knechts, maßlos ist der Schuldenerlass des Königs. Maßlos aber ist auch die Hartherzigkeit des begnadigten Knechts und maßlos ist die Strafe, die ihn daraufhin trifft.
Nach rabbinischer Lehre wurde normalerweise ein dreifaches Verzeihen gefordert, dann war man „aus dem Schneider“. Und da lag Petrus ja um über das Doppelte darüber. So als wollte er Jesus sagen: ‚Siehst du, ich habe doch schon viel gelernt über die Barmherzigkeit Gottes, von der du immer sprichst.
Doch Jesus sprengt auch die Überbietung des Petrus: ‚Nicht siebenmal, sondern siebzigmal siebenmal sollst du verzeihen! Das ist so oft, dass alles Aufrechnen nicht mehr im Gedächtnis bleibt und Vergessen Platz greift, das wirkliche Vergebung möglich macht, ohne Rückbehalt.
Diese vollständige Vergebung macht also Mühe und Arbeit, ist keine kurzfristige Angelegenheit. Immer wieder ist Vergebung notwendig und fordert anstrengende Aufarbeitung von beiden Seiten. Siebzigmal siebenmal steht für sehr oft, oder langen, mühevollen Prozess.
Doch nicht nur um die Anstrengung der Vergebung, der Aufarbeitung, geht es hier, die sich nach Zahl und Zeit nicht beziffern lässt, sondern auch um die Größenordnung der Schuld, die genauso alle Vorstellung sprengt.
Zehntausend Zentner Silber war der Knecht seinem König schuldig. Eine enorme Summe! König Herodes hatte in einem Jahr nicht einmal ein Zehntel dieses Betrags an Einnahmen. Lächerlich klingt da die Bitte um Aufschub und die Beteuerung, alles bezahlen zu wollen.
Diese Schulden waren nicht mehr zu tilgen, sie überstiegen alle finanziellen Möglichkeiten des Knechts.
Doch der König hat Erbarmen, er gewährt nicht nur Aufschub, sondern erlässt dem Knecht alle seine Schulden. Als freier Mann kann er seines Weges ziehen, beschenkt mit der Chance eines neuen Anfangs. Der König vergibt nicht nur, er vergisst die Schuld des Knechts.
So ist Gott. Er vergibt grenzen- und maßlos. Das ist die ‚Hausordnung’ seines Reiches. Seine Gnade übersteigt all unser Versagen, wie oft wir auch zu ihm kommen, und wie schwerwiegend unser Bankrott auch ausfällt. Gott erbarmt sich. Er vergibt und er vergisst.
Der König hatte im Gleichnis Erbarmen. Wörtlich übersetzt bedeutet Erbarmen, dass ein brennender Schmerz das Herz des Königs durchfährt. Besser kann man die Liebe Gottes zu uns Menschen gar nicht ausdrücken. Und so wird im Neuen Testament dieses Wort auch nur von Gott oder Jesus gebraucht. Denn voller Leidenschaft ist Gott um unser Leben bemüht.
Doch dann geschieht das Unfassbare, das völlig Unverständliche und zutiefst Erschreckende:
Mit unnachgiebiger Härte fordert der Knecht einen verschwindend geringen Schuldenbetrag von einem Mitknecht ein. Er würgt ihn, bringt ihn fast um und lässt ihn ins Gefängnis werfen. Ja, so ist das: Wegen der nichtigsten Kleinigkeiten entstehen unter uns Menschen oft bis aufs Blut geführte Streitigkeiten.
Die anderen, die das nun mitbekommen, sind entsetzt. Sie melden es dem König. Und nun hat das Erbarmen, die Vergebungsbereitschaft des Königs tatsächlich ein Ende gefunden.
Wem die große, den ewigen Tod bringende Schuld durch Gott erlassen ist, für den müsste es eine Selbstverständlichkeit sein, dass er in den vergleichsweise geringfügigen Dingen, die Menschen einander schuldig bleiben, zur Vergebung bereit ist. Wer das nicht versteht und nicht danach handelt, für den gibt es keine Rettung mehr. Das ist der zentrale Punkt dieses Gleichnisses.
Wie oft hatte Jesus dem Petrus in schwerwiegenden Dingen vergeben und wie oft hatten sie wahrscheinlich darüber gesprochen:
Im Vorhof des Palastes war er zu feige gewesen, sich als Jünger Jesu zu erkennen zu geben und er verleugnete seinen Herrn. Trotzdem hat Jesus ihn wieder neu vertraut: „Geh’ hin! Weide meine Lämmer!“ (Joh. 21, 15), so hat er ihn in seinen Dienst berufen.
Und als Jesus am Kreuz verblutete, da hat sich Petrus mit allen anderen aus Angst in Jerusalem verbarrikadiert. Dennoch hat Jesus sein Wort nicht zurückgenommen: „Du bist Petrus, auf diesen Felsen will ich meine Kirche bauen“ (Matth. 16, 18). Wie oft hatte Petrus schon Vergebung und Vergessen erfahren. Nicht nur siebenmal!
Und wenn wir an der Stelle des Petrus unsere eigenen Namen einsetzen würden und unsere eigene Geschichte mit Jesus vorüberziehen ließen, dann wäre das Ergebnis doch ganz genauso. Oft schon hat uns Gott viel Gutes getan und nicht zur Rechenschaft gezogen. Nicht nur siebenmal! Das dürfen wir nicht vergessen.
Nehmen wir uns ein Beispiel an Gottes Barmherzigkeit, bevor Gott unsere Unnachgiebigkeit zum Maßstab seines Handelns macht.
Wir wissen, dass das für uns nicht immer leicht ist und manchmal unmöglich scheint. Aber versuchen, versuchen müssen wir es immer wieder und auf unser Gegenüber zugehen.
Gott vergibt und vergisst die Schuld. Er nimmt sie von uns und wirft sie ins äußerste Meer. Dort kann sie niemand mehr hervorholen.
Gott vergibt und er vergisst.
Vergessen durch Aufarbeitung und die Bereitschaft zur Vergebung, die absolute Notwendigkeit für befreites Leben, so wie der Fotograf Walter Schels es bei der Betrachtung der kleinen Menschengesichter vermutet.
Gott vergisst unsere Schuld. Wollen wir versuchen es ihm gleich zu tun. Auch wenn es noch so viel Mühe macht.
Amen.