Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt“

Predigt von Pfarrer Stefan Fleischmann am 3. Januar 2022 (2. Sonntag nach Weihnachten)
Liebe Schwestern und Brüder,
1. Als ich im Dezember den Seelsorgebereich „Hofer Land“ sozusagen abgefahren bin, haben mich einige Kirchen an ein Zelt erinnert. Ich staune da immer über die jeweilige Dachkonstruktion, die mir das Gefühl gibt, beschützt, aufgehoben, geborgen zu sein.
2. „Zelt“ ist ein gutes Stichwort. Denn Fridolin Stier (1902 – 1981) übersetzt den zentralen Vers aus dem gehörten Johannesevangelium sehraussagekräftig in einem Bild: „Und ER, das Wort, ward Fleisch, zeltend unter uns.“ Gott hat sozusagen unter uns sein Zelt aufgeschlagen – so ist der griechische Text wörtlich zu übersetzen.
3. Wer Ihnen hat in seiner Kind - und Jugendzeit gerne gezeltet? Auf meinem Schreibtisch liegt ein Prospekt „Zeltlager St. Konrad Hof, 4. bis 11. Juni 2022“, so dass es sicherlich viele Kinder und Jugendliche gibt, die hier mitfahren. Ich habe spät sogenannte „Zelt-Erfahrungen“ gemacht. Damals war ich Kaplan und Diözesankurat der Pfadfinder.
4. Ich habe besonders bei den Jugendlichen und jungen Erwachsenen gespürt: Sie liebten die Freiheit. Wer zeltet liebt die Freiheit in der Natur. Wer zeltet will sich nicht festsetzen, sondern beweglich bleiben und auch mal weiterziehen, wenn etwas Neues lockt. - Wenn Gott in Jesus bei uns zeltet, dann lässt er uns seine Freiheitsliebe spüren. Jesus hat keinen festen Wohnsitz. Er ist immer unterwegs zu den Menschen und befreit sie von Krankheit und Zwängen. Er macht sie frei vom Druck, alles selbst machen zu müssen. Und er lässt vor allem allen die Freiheit, sich für oder gegen ihn zu entscheiden. Freiheit. - Ein zweites Stichwort:
5. Wer zeltet, lebt auch einfach. Da gibt es kein Frühstücksbuffet, wie wir es im Hotel kennen. Das hat mich schon auf Zeltlagern immer sehr beeindruckt. Kinder und Jugendliche verzichten auf Komfort und stellen keine hohen Ansprüche. - Wenn Gott in Jesus bei uns zeltet, dann solidarisiert er sich mit den armen und einfach Leuten. Er setzt sich mit den Kleinen und Schwachen an einen Tisch. Und er lädt seine Freunde ein, dieses einfache Leben mit ihm zu teilen. Das zweite Stichwort: Einfachheit. Zum Schluss noch eines….
6. Wer zeltet, beweisst Mut und zeigt Risikobereitschaft. Da gibt es abends die abenteuerlichsten Besuche und die unruhigsten Nächte. Wer zeltet, der bricht auf zu abenteuerlichen Reisen und will neue Erfahrungen machen. Ich muss gestehen, das habe ich immer an den Kindern und Jugendlichen bewundert. - Wenn Gott in Jesus bei uns zeltet, dann scheut er nicht das Risiko. Er sichert sich nicht nach allen Seiten ab, sondern steht für seine Überzeugungen ein. Er konfrontiert die Menschen mit den Zumutungen seiner Botschaft und ermutigt andere zum Aufstehen, zum aufrechten Gang.
7. Freiheit- Einfachheit – Mut: 3 Stichworte, die im Bild des Zeltes nicht nur den charakterisieren, dessen Geburt wir an Weihnachten feiern. Es weist auch auf uns hin, die wir in seiner Spur leben und glauben wollen und ihm nachfolgen.
8. „Die Kirche ist keine Festung, sondern ein Zelt“, das hat einmal Papst Franziskus betont. Man könnte das Wort des Papstes noch weiter übertragen: Auch unser irdisches Leben ist keine Festung, sondern ein Zelt, in der Gott selbst darin wohnen möchte, Wunden und Verwundungen verbindet, Leben schafft und schenkt – ganz tief in unseren Herzen, hat er eine Bleibe, dürfen wir in ihm bleiben und sein.
9. Wir dürfen zuversichtlich und hoffnungsvoll in das neue Jahr 2022 starten und gehen und auf andere ausstrahlen und sehr gespannt sein, auf welchen Lagerplätzen unseres Lebens Gott sein Zelt aufschlägt und uns so ganz nahe kommt. Amen.