Taufe des Herrn

1. Jesus geht an den Jordan hinaus, um sich – zusammen mit dem ganzen Volk - von Johannes taufen zu lassen. Als er am Fluss angekommen ist, sagt Jesus zu ihm: „Ich möchte, dass du mich taufst. Sag deinen Jüngern: Sie sollen hierfür frisches Wasser holen, denn der Jordan ist von den vielen Menschen sehr trüb und schmutzig geworden.“
2. Im Religionsunterricht habe ich gerne Geschichten erzählt, ob sie wahr oder falsch sind. Mit Vergnügen haben die Kinder mitgemacht. Ich habe damals nicht gedacht, dass diese Fähigkeit der Unterscheidung einmal so wichtig sein könnte. Nein, Jesus verlangt kein frisches Wasser. Er sondert sich nicht ab. Vielmehr solidarisiert er sich mit den Menschen, mit dem ganzen Volk. Im Evangelium nach Lukas heisst es: „Zusammen mit dem ganzen Volk lässt Jesus sich taufen!“ Jesus steigt hinab in den äußeren und inneren Schmutz der Menschen – zur Vergebung der Sünden. Er ist sich nicht zu schade, in die dunkle und undurchsichtige Brühe der Wirklichkeit menschlichen Lebens hinabzusteigen und diesen Schmutz auf sich zu nehmen. Kann man bildhaft Erlösung so erklären? Vielleicht eine Verstehenshilfe!
3. „Zusammen mit dem ganzen Volk lässt Jesus sich taufen!“ Jesus kommt zur Taufe, weil er sich voll und ganz mit dem Menschen identifiziert. In seiner Taufe wird es offenbar: Er taucht tief ein in das Menschsein, mit all den Abgründen, Verirrungen und Entgleisungen, die uns zu schaffen machen. Er taucht in die Welt ein, die von unserem schuldhaften Verhalten getrübt ist, in der wir den Durchblick und die Orientierung verloren haben. Dies ist nur möglich, weil er sich gehalten weiß von der Liebe Gottes, weil er vom Geist Gottes erfüllt ist und sein Vertrauen in die Kraft des Guten weitaus überwiegt gegenüber einer Angst vor der Berührung mit dem Bösen.
4. Der Poet und Priester Andreas Knapp findet hier eigene Worte:
wie tief muss ich untergetaucht werden
bis ich dem leben auf den grund komme
wie rein muss ich gebadet werden
bis meine haut durchatmet wird von licht
wie zart muss mir gesagt werden
dass ich geliebt bin bis ich es wirklich glauben kann
5. Die Taufe Jesu – die Proklamation und Offenbarung als Sohn Gottes, auf ihn sollt ihr hören - ist untrennbar mit unserer eigenen Taufe verbunden: „Du bist mein geliebtes Kind, an dir habe ich Wohlgefallen gefunden.“ Es wird sichtbar, was den neuen Menschen auszeichnet, der bei Gott Wohlgefallen findet und dem es gelingt, aus dem Sumpf von Schuld und Sünde, indem die Menschheit zu versinken droht, aus der Liebe Gottes herauszusteigen – schon jetzt und hier.
6. Andreas Knapp hat hierzu ein zweites Gedicht geschrieben:
Taufe
pränatale diagnose
zeigt von anfang an
die erbliche belastung
verstrahlt durch
die überdosis schuld
der ganzen menschheit
mit fatalen folgen
taufe aber
heilwasser
aus gutem grund
die altlasten werden bereinigt
alle angst abgewaschen
du wirst in vertrauen gebadet
gegen den tod geimpft
im wasserzeichen des lebens
aus: Knapp, Andreas, Heller als Licht, Regensburg 2016.