Sind wir als Menschen grundsätzlich zur vorbehaltlosen Freude nicht fähig?

Liebe Leserinnen, liebe Leser,
In der Erzählung von der Heilung eines Blindgeborenen, wie Sie uns im Johannesevangelium überliefert ist (Joh 9,1-41) wird ein von Geburt an blinder Mensch durch Jesus geheilt und niemand freut sich.
Die Frage der Jünger nach der für sie doch wohl offensichtlichen Schuld (In biblischer Zeit führte man körperliche oder seelische Gebrechen auf schuldhaftes Verhalten zurück) des Blinden oder seiner Eltern, ist in ihren und auch unseren Gehirnen scheinbar so tief eingebrannt, dass sie sich immer wieder nach vorne drängt und unser Denken beherrscht.
Immer beherrscht die Frage des warum unser Denken und nicht die Frage des wozu. >>Warum<< führt uns immer in die Vergangenheit zurück. >>Wozu<< würde uns in die Zukunft orientieren. Die Logik von Ursache und Wirkung hilft eben, sich zurecht zu finden im Alltag.
Vor allem wenn scheinbare Ursachen zeitlich nahe und leicht verortet werden können und nicht einem längeren zeitlichen Geschehen zugerechnet werden müssen, dessen Erkenntnis uns Mühe verschaffen würde.
Sünde, Schuld und Strafe werden so zur Zwangsjacke, in die Menschen eingezwängt werden und aus der sie sich nicht befreien können.
Aber nicht nur einzelnen Menschen wird diese Zwangsjacke übergestülpt. Auch die gesellschaftliche und politische Welt bedient sich gerne und zunehmend dieser Zuordnung in Gut und Böse, verliert dadurch ihre Urteilsfähigkeit und folglich ihre Fähigkeit zum richtigen Handeln, zum Wohl der Menschen.
Ein so überbordender Moralismus kann nach und nach zur „Blindheit“ führen, einer Blindheit dem konkreten Menschen gegenüber und vor allem der Blindheit gegenüber seinem Leid.
Aber diese Zwangsjacke, gewebt und genäht aus Sünde, Schuld und Strafe, so abwegig es klingen mag, sie hilft uns vordergründig, vereinfacht vieles und hält uns in der Gruppe der vermeintlich Guten. Und wir weigern uns deshalb, bewusst oder unbewusst, sie abzulegen.
Freude über die Hilfe für einen Menschen, wie in unserem Bibeltext mag da nicht aufkommen. Die Schuldfrage dominiert alles.
Mit der Heilung des Blinden und seinen klärenden Worten hat Jesus einen Wendepunkt für die Menschheit erreicht, auch wenn sich das für viele Ohren überzogen anhören mag. Erreicht deswegen, weil er im Namen Gottes den Zusammenhang zwischen Sünde und Schicksal, hier dem Schicksal des Blindgeborenen, klar negiert und ausgeräumt hat und damit Empathie für derart leidende Menschen erst möglich gemacht hat.
Ihr Schicksal darf ab sofort keine Strafe mehr in unseren Köpfen sein.
Unsere Fehltritte und Mängel, unsere Sünden und unsere Schuld: all das, was wir tagtäglich produzieren und erfahren, es auch verdrängen oder aber auf andere abwälzen, all das können wir bei Gott abladen, ihm anvertrauen, um uns einen Neubeginn zu ermöglichen.
So wurde sein Kreuz zu jener Bühne, auf der seine Revolution vollendet wird, weil dort das Wirken des vergebenden Gottes unübertroffen greifbar wird.
Unabhängig von unserer bisherigen Lebensgeschichte: Gottes Barmherzigkeit kennt keine Grenzen.
Und das ist uns, die wir uns Christen nennen, der eigentliche Grund zur Freude!