"Sei ein Mensch"

Liebe Schwestern und Brüder!
1. Bevor ich mich bei der Deutschen Bahn einlogge, werde ich aufgefordert eine Aussage zu bestätigen, welche? „Ich bin ein Mensch.“ Ebenso beim Ticketkauf. Die Bahn akzeptiert also nur den User, der diesem Satz zustimmt. „Ich bin ein Mensch.“ Ein interessanter Abgleich!
2. Die Zustimmung bedarf das Wissen um die eigene Zugehörigkeit „Ich bin ein Mensch“ und dieses Wissen zum Ausdruck zu bringen, genau diesen Satz reflexiv sagen zu können.
3. „Was ist der Mensch, dass du an ihn denkst“, so betet der Psalmist (8). Der Mensch ist einer, der weiss, dass er Mensch ist und das von sich so sagen kann. Also Selbstreflexion und Selbstbewusstsein machen den Menschen aus.
4. Der Mensch ist einer, der um seine Endlichkeit und Begrenztheit weiss, um seinen Größenwahn und sein Streben nach Macht, sein Scheitern und sein schuldhaften Versagen; der aber auch um seine Sehnsucht nach Geborgenheit und Zugehörigkeit, nach Anerkennung und Liebe.
5. „Was ist der Mensch, dass du an ihn denkst.“ Der Mensch ist einer, dessen Gott gedenkt. Das ist doch das Großartigste, was eine Religion bietet und nicht im Supermarkt erworben werden kann: Gott gedenkt meiner – im Auf- und Ab des Lebens, woher ich komme und wohin ich gehe! Das ist ein ungeheuerlicher Zuspruch: „Was ist der Mensch, dass du an ihn denkst, des Menschen Kind, dass du dich seiner annimmst?“
6. Jesus setzt diesen Zuspruch in der Berpredigt, in den sog. „Seligpreisungen“, fort: Selig, die arm sind; selig, die Trauernden; selig die Sanftmütigen; selig, die hungern und dürsten; selig, die Barmherzigen; selig, die rein sind im Herzen; selig die Frieden stiften; selig die verfolgt werden: Freut euch und jubelt. Denn euer Lohn wird groß sein im Himmel.“ Es werden menschliche Haltungen hervorgehoben, die das Leben ausmachen und prägen, und die den Menschen Mensch sein lassen, in Freud und Leid; an Lebenswenden und in besonderen Herausforderungen geben die Seligpreisungen eine Zukunftsperspektive und halten Ausschau nach Glück, nach Gelingen, nach Heil und Heilung, ja nach Vollendung!
7. Was ist der Mensch! Jesus begibt sich auf den Berg und verkündet die Seligpreisungen; das ist pure Freude, die dem Menschen zu Teil wird, sozusagen: „Du bist nicht abgeschrieben, du gehörst dazu, vor allem DU!“ – Der Lohn im Himmel wird groß sein!
8. Wir feiern heute Allerheiligen, alle Heiligen Männer und Frauen, ob bekannt oder unbekannt, die Jesu Worte beherzigt haben und in seine Fußspuren getreten sind. Wir glauben, und das feiern wir heute, dass diese Heiligen jetzt bei Gott im Himmel sind und für uns bei Gott Fürsprache einlegen. Darauf dürfen wir vertrauen, wenn wir ein sog. Osterfest im Herbst feiern.
9. Allzu lange und oft haben wir die Heiligen auf einen Sockel gehoben, unerreichbar für den irdischen Menschen, der Wirklichkeit des Lebens enthoben, dem Himmel so nah. Das birgt die Gefahr, dass hinter dem Glauben an Gott das Menschsein entschwindet. Religion ist für den Menschen da und dass Menschen, die sich als Glaubende erfahren, nicht anderes zu sein brauchen als Mensch – mit all den Licht- und Schattenseiten.
10. Allerheiligen zeigt, wozu sich Menschen plötzlich in der Lage sehen; gemeint sind nicht nur die guten Werke, sondern ihre Emotionen, in denen sich dessen Kraft und Authentizität zu erweisen scheint. Glauben tritt als Gefühl der Hoffnung hervor und gewinnt im Gefühl der Entschlossenheit Gestalt, sich zu riskieren, etwas zu wagen. Die ersten Christen wurden der „neue Weg“ genannt, und haben sogar ihren Kopf für ihren Glauben an Jesus Christus hingehalten. Glaube äußert sich im Gefühl der Dankbarkeit und rückhaltloser Hingabe. Glauben steht in unmittelbaren Zusammenhang mit Gefühlen, die das Tun und Lassen eines Menschen, sein Wirken, Urteilen und Handeln-wollen begleiten.
11. Allerheiligen rückt die Heiligen in den Blick, die dem Evangelium gerecht werden wollten in der Nachfolge Jesu Christi und unterstützen uns Menschen, als Mensch zum Vorschein zu kommen: „Was ist der Mensch, dass du an ihn denkst.“ Der heutige Tag ist eine gute Gelegenheit, sich mit dem eigenen Namenspatron auseinanderzusetzen, mit seiner Geschichte, denn sie erzählen von sich und ihrem je eigenen Glauben, als Einladung, ein Leben aus dem christlichen Glauben zu führen. Wenn ich auf mein Leben zurückschaue, habe ich auch durch sie zum christlichen Glauben gefunden! Neben den Heiligen sind es aber vor allem Menschen hier auf Erden, die mich nicht verzweifeln lassen und mich stärken im Glauben an das Gute.
12. Der Sportjournalist Marcel Reif bewegte seine Zuhörer am 31. Januar mit seiner »Sei ein Mensch«-Rede sehr. Das Parlament hatte an die Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz vor 79 Jahren erinnert. Reif, dessen Vater ein polnischer Jude war, gab im Rahmen seiner Rede einen »kleinen, großartigen wundervollen« Satz wieder, den er immer wieder von ihm gehört habe: »Sei ein Mensch.« »Sei ein Mensch.«
13. „Was ist der Mensch, dass du an ihn denkst, des Menschen Kind, dass du dich seiner annimmst? Du hat ihn nur wenig geringer gemacht als Gott, hast ihn mit Herrlichkeit und Ehre gekrönt.“
14. Die Bestätigung dieses Satzes „Ich bin ein Mensch“ geschieht vor allem durch unser Reden und Handeln, durch Empathie und Leidenschaft, die den Seligpreisungen Rechnung tragen, so dass die jüdische Schriftstellerin Rosa Ausländer sagen kann:
„Immer sind es Menschen.
Du weisst es.
Ihr Herz ist ein kleiner Stern,
der die Erde beleuchtet.“
Das gilt für die Heiligen dort oben, sowie uns auf Erden, die wir dem Ziel unseres Lebens entgegengehen. Amen.