Miteinander - statt übereinander

Über andere zu reden, ist ein Bedürfnis, das Menschen seit Urzeiten kennen. Sie sitzen vor dem Zelt oder treffen sich am Brunnen, sprechen über dies und jenes, tauschen Neuigkeiten aus. Sie reden über Leute, die gerade nicht anwesend sind. So ist es seit Jahrtausenden. Schon die Bibel berichtet davon.
Auch heute wird viel gezwitschert und getratscht. Das Internet macht es möglich, Informationen, aber auch Geschwätz und Unwahrheiten, in Windeseile in alle Welt zu verbreiten. Wir leben in einer Zeit, in der Menschen einander so viel über andere mitteilen wie nie zuvor, gerade auch halböffentlich in Chats und Foren. Viele neigen dazu, sich an Dritte oder gleich an die globalisierte Medienwelt zu richten, um dort Kritik loszuwerden und über Schwächen oder Fehler der Anderen zu reden.
Eine chassidische Geschichte erzählt davon, wie schwer – oder unmöglich – es ist, Worte, die einmal in der Welt sind, zurückzunehmen. Sie verselbständigen sich und lassen sich nie wieder einfangen, denn sie prägen Atmosphäre und schaffen Bewusstsein: „Ein Mann hatte schlecht über einen anderen gesprochen. Er ging zum Rabbi und fragte ihn, wie er das wieder gut machen könne. Der Rabbi trug ihm auf, ein Federkissen zu besorgen und herzubringen. Das tat der Mann, und der Rabbi gab ihm den Auftrag, das Kissen aufzuschneiden und die Federn aus dem Fenster zu schütteln. Als der Mann damit fertig war, stellte sich der Rabbi neben ihn und sah eine Weile zu, wie die Federn vom Wind über die ganze Stadt verteilt wurden. Dann sagte er zu dem Mann: ‚So, und nun fang damit an, alle Federn wieder einzusammeln!‘“
Das Matthäusevangelium kennt die sogenannte Gemeinderegel: „Wenn dein Bruder gegen dich sündigt, dann geh und weise ihn unter vier Augen zurecht! Hört er auf dich, so hast du deinen Bruder zurückgewonnen. Hört er aber nicht auf dich, dann nimm einen oder zwei mit dir, damit die ganze Sache durch die Aussage von zwei oder drei Zeugen entschieden werde.“ (Mt. 18,15f). Ich bin mir sicher, in der urchristlichen Gemeinde hat es immer wieder Auseinandersetzung und Konflikte gegeben, die zu großen Verwerfungen und Missverständnissen geführt haben. Die Gemeinderegel legt ein Modell gegenseitiger Verantwortung vor, miteinander zu sprechen und Kritik mit den unmittelbar Beteiligten zu besprechen. Und das gilt für jede Gemeinschaft auch heute!
Die Worte Jesu laden uns ein, miteinander ins Gespräch zu kommen, nicht übereinander zu sprechen. Heute feiern wir den Gedenktag des heiligen Benedikt von Nursia (um 480 n. Chr.). In der Regel des heiligen Benedikt (Kapitel 3) ist davon die Rede, dass der Abt die ganze Gemeinschaft zusammenrufen und selbst darlegen soll, worum es geht. In diesem Rahmen kann eine offene Aussprache und Beratung stattfinden. Gar manche unterschwelligen Konflikte und Irritationen lassen sich dadurch vermeiden.
Miteinander –nicht übereinander reden. Das trifft auf Gott zu, mit dem wir reden können wie mit einem Freund, obgleich ER der Herr ist. Und das trifft auf unsere Mitmenschen zu, mit ihnen in Beziehung zu treten und den Dialog zu suchen und zu wagen. Das kann manchmal richtig anstrengend und unbequem sein, aber erfolgversprechender. Jesus macht uns immer wieder Mut, wenn er sagt: „Denn wo zwei oder drei in meinem versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen.“