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Meine engen Grenzen

Wüstenerfahrungen
Datum:
Veröffentlicht: 17.2.24
Von:
Stefan Fleischmann
Wüstenerfahrungen

Lebenswüsten kennen wir alle. Die damit verbundenen Erfahrungen werden auch im Gottesloblied „Meine Grenzen, ...“ (437) treffend beschrieben. Der Beter stellt sich klagend und bittend vor seinem Gott, dass er wandle und verwandle, um neue Wege zu eröffnen.

1. Strophe
Meine engen Grenzen,
meine kurze Sicht,
bringe ich vor dich.
Wandle sie in Weite;
Herr, erbarme dich!

Der spätere evangelische Pfarrer Eugen Eckert schrieb den Text dieses Liedes 1981. Hierfür prägend war die Tätigkeit als Sozialarbeiter in einem Wohnheim für Mädchen, die aus schwierigen oder zerstörten familiären Verhältnissen kamen. Eugen Eckert berichtet, dass die Bewohnerinnen des Heims seine Geduld immer wieder auf die Probe gestellt haben: Sie bestohlen, belogen und bedrohten ihn. Er spürte seine menschlichen Grenzen und die Begrenztheit in seinem menschlichen Handeln. „Wandle sie in Weite!“, ein Blick über das Vorliegende und das am eigenen Leib Erlebte hinaus.

2. Strophe
Meine ganze Ohnmacht,
was mich beugt und lähmt,
bringe ich vor dich.
Wandle sie in Stärke;
Herr erbarme dich!

Der Beter bringt seine Wüstenerfahrung ganz offen und ohne Scheu zur Sprache: „Meine ganze Ohnmacht, wandle sie in Stärke; Herr, erbarme dich!“ Ein Mädchen, das Eugen Eckert als Bezugsperson anvertraut war, begeht Suizid. Was das für das nähere Lebensumfeld bedeutet, kann man nur erahnen. Es gibt Punkte im Leben, da hinterfragt der Mensch sich grundsätzlich: Reichen meine Kompetenzen überhaupt aus, um den anvertrauten Menschen und Aufgaben gerecht zu werden? Haben ich etwas übersehen oder nicht wahrhaben wollen? „Meine ganze Ohnmacht, was mich beugt und lähmt, bringe ich vor dich: Wandle sie in Stärke!“ Trotzdem arbeitete er dort weiter mit dem Wunsch, ein Stück Heimat und Wärme vermitteln zu können. Anselm Grün sagt einmal: „Wir sollen das akzeptieren, was nicht in unserer Macht liegt, und das aktiv gestalten, was in unserer Macht liegt.“

3. Strophe
Mein verlornes Zutraun,
meine Ängstlichkeit,
bringe ich vor dich.
Wandle sie in Wärme;
Herr, erbarme dich!

In der dritten Strophe wird eine weitere Wüstenerfahrung angesprochen: Momente, in denen ich meine ganze Schwäche spüre, mich selbst klein und hilfsbedürftig fühle, meine Courage und mein sonstiges Selbstbewußtsein dahin sind. Gott wird als der Herr angerufen, der dem Beter seine Nähe und Barmherzigkeit schenken möge. Eugen Eckert sagte einmal: „Meine eigenen Grenzerfahrungen trage ich in diesem Gebetstext vor Gott, weil ich der Macht Gottes zutraue, mit meiner Ängstlichkeit und Ohnmacht fertigzuwerden, sie zu wandeln, mir neue Dimensionen für mein Leben, für meine Hoffnung und für meinen Glauben zu eröffnen.“

4. Strophe
Meine tiefe Sehnsucht
nach Geborgenheit
bringe ich vor dich.
Wandle sie in Heimat;
Herr, erbarme dich!

„Meine tiefe Sehnsucht nach Geborgenheit“, nach Liebe und Treue, nach Wertschätzung und Anerkennung, nach Heil und Heilung. Wer wünscht sich das nicht? Gerade dann, wenn ich mich alleine und verlassen fühle! Gerade dann, wenn mir der richtige Ansprechpartner fühlt, der mir einfach nur zu zuhört und versteht, und notfalls in den Arm nimmt.

Das Gottesloblied steht in der Rubrik „Bitte und Klage“, es ist mein Lied für diese Fastenzeit 2024 geworden: „Der Geist trieb Jesus in die Wüste!“, so hören wir heute im Evangelium nach Markus. „Er lebte bei den wilden Tieren und die Engel dienten ihm!“ Gott, dem ich trauen, vertrauen und mich anvertrauen kann in meiner Begrenztheit, in meiner Verlassenheit, in meiner Endlichkeit und Unzulänglichkeit, auf der Suche nach Gott – dem Mehrwert unseres Lebens – Herr erbarme dich!