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„Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ (Psalm 22,2)

Kreuz JVA
Datum:
Veröffentlicht: 29.3.24
Von:
Stefan Fleischmann
Predigt zum Karfreitag 2024

1. In diesem Schrei kommt die ganze Verzweiflung und Gottverlassenheit Jesu zum Ausdruck. Alle Ohnmacht und alles Scheitern münden hier in diesen Verzweiflungsschrei, der dem Psalm 22 entnommen ist, und auch die Frage des Menschen an Gott mit einschließt.

2. Es gibt Menschen, denen der Karfreitag in diesem Jahr viel näher steht und die sich auf die Karfreitagsliturgie mit ihrer starken Symbolik freuen:

- die Prostratio (das langgestreckt Liegen auf dem Boden),
-das Hören der Leidensgeschichte,
-die Verehrung des Kreuzes,
-die großen Fürbitten,
-der Empfang der hl. Kommunion

3. Am Karfreitag hat alles Platz im Großen wie im Kleinen: die Kriege und das Leid weltweit und die ganz persönlichen Nöte und das Leiden unserer Mitmenschen, die uns umgeben. In der Kapelle der Justizvollzugsanstalt Hof hängt ein Kreuz, das ist schon älter und hat einige Schrammen abbekommen: der eine Finger fehlt, der Arm ist angebrochen, das Holz des Kreuzes gespalten. Nicht nur die Gefangenen finden sich im Anblick des Kreuzes wieder: Ohne Schrammen und Wunden und Verwundungen ist Leben nicht möglich. Und wer kann sich schon im Leben eine tadellose, weiße Weste erhalten? Zusammen mit Maria und den anderen Frauen und Lieblingsjünger stehen wir am Kreuz. Mit IHM halten wir unser Kreuz aus; und halten uns am Kreuz fest.

„Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“

4. Im wahrsten Sinne des Wortes, ist es die Hölle, sich von Gott verlassen zu fühlen und eine kalte Einsamkeit zu spüren. Selbst Jesus, der seinen Vater „Abba“, Vati genannt hat, wurde nicht davon verschont. Denn je größer und intimer die Nähe zu Gott ist, desto schrecklicher ist auch die Erfahrung seiner Ferne und Abwesenheit (Kardinal Koch). Nicht zuletzt haben auch Heilige, z. B. Johannes v. Kreuz, Mutter Theresa u. v. a., diese Finsternis des Glaubens erlebt und durchlitten.

5. Jesus hält in seinem Sterbegebet an diesem „Mein Gott, mein Gott“ fest, „doch du gibst keine Antwort“. Er richtet den Blick auf seinen Vater, sein Leben in seine Hände in Liebe zu legen für das Heil der Welt. Blaise Pascal hat einmal gesagt, dass die Passion Jesu Christi am Kreuz mitten in unserer Welt vor allem in den leidenden Menschen bis zum Ende der Zeit weitergeht. Das soll heißen, dass gerade die verlassenen, gebrochenen und gefallenen Menschen in ihrer Not darauf hoffen dürfen, dass Gott auch bei ihnen - selbst in der Erfahrung seiner Abwesenheit - noch anwesend sein will und ist.

„Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“

6. Die heutige Liturgie wird immer wieder vom Schweigen durchbrochen, der Karfreitag insgesamt wird als stiller Feiertag im ganzen Land begangen. Auch das Schweigen hat Wirkung und seine Berechtigung. Das Schweigen auf die Folter, die Verhöre und die Grausamkeit, die Jesus Stunden vorher durchleiden musste. Das Schweigen in Solidarität und Mit-Leiden mit den vielen Opfern von Krieg und Gewalt, von Terror und Brutalität heute. Das Schweigen aufgrund unserer eigenen Ohnmacht und offenen Fragen.

„Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“

7. Heute wird keine Heilige Messe gefeiert. Die Karfreitagsliturgie sieht aber die heilige Kommunion vor, die ausgeteilt wird. Dieser liturgische Akt ist ein sprechendes Zeichen dafür, dass wir unsere leeren Händen gerade in schwierigen Lebenssituationen öffnen dürfen, in denen wir die Abwesenheit Gottes erfahren müssen. Hineingelegt wird Jesus Christus in sakramentaler Weise und wird für uns gegenwärtig, so wie es im Hebraerbrief geschrieben steht: „Lass uns also voll Zuversicht hingehen zum Thron seiner Gnade, damit wir Erbarmen und Gnade finden und so Hilfe erlangen zur rechten Zeit (Hebr. 4,16)

„Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“

8. Es ist davon auszugehen, dass Jesus den ganzen Psalm 22 gebetet hat, der nicht in der Verzweiflung bleibt, sondern Vertrauen ist: „Dir haben unsere Völker vertraut, sie haben vertraut, und du hast sie gerettet! Zu dir riefen sie und wurden befreit, dir vertrauten sie und wurden nicht zuschanden!“ (Psalm 22, 5.6) Hat Gott Antwort gegeben? Das Evangelium sagt: Der Ostermorgen ist die Antwort Gottes: „Ich bin da!“