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Kita-Situation: Stadt Hof schickt Hilferuf nach München

Tatjana Schlemmer
Datum:
Veröffentlicht: 26.3.25
Von:
Nina Bauerle Frankenpost/Hof
Die Kindertageseinrichtungen in Hof schlagen Alarm. Es muss sich dringend etwas ändern, sonst sind die Kinder oder sogar die Kitas weg.

HofFast genau ein Jahr nach dem letzten Schreiben an das bayerische Sozialministerium verlässt bald erneut ein offener Brief das Hofer Rathaus in Richtung München. Ausschlaggebend ist dieses Mal die schwierige Situation der Kindertagesstätten. Initiatoren des Schreibens sind die Träger der Kitas in Hof. Sie prangern die „nicht auskömmliche Finanzierung und den damit verbundenen Personalmangel“ an. Viele der Träger fahren Defizite ein, die die Stadt Hof aufgrund der schwierigen Haushaltssituation nicht auffangen kann.

Gemeinsam haben Vertreter der Träger und der Stadt Hof den offenen Brief am Montag in einem Pressegespräch vorgestellt. Jörg von der Grün ist Kreisgeschäftsführer des BRK-Kreisverbands Hof, der in der Stadt drei Kindertageseinrichtungen betreibt. Er erklärte, dass die Gespräche zur „desaströsen Finanzlage“ der Kitas bereits vor eineinhalb Jahren begonnen haben. Im Zuge einer Unterhaltung mit Siegfried Wonsack, dem Geschäftsführer der Lebenshilfe Hof, kam die Frage auf, ob es sich um einen Einzelfall oder ein flächendeckendes Problem handle. Es zeigte sich, das BRK damit nicht alleine dasteht. „Die Schere zwischen dem finanziellen Aufwand und der Refinanzierung durch den Freistaat Bayern geht weit auseinander“, sagt von der Grün. Die Kitas des BRK arbeiteten demnach im zweiten Jahr defizitär, und auch die Lebenshilfe hatte bereits 2023 „ein großes Defizit“ zu beklagen.

Als Folge musste die Lebenshilfe nachjustieren – den „Personalschlüssel runterdrehen“. Dieser liege nun bei eins zu elf: Ein Mitarbeiter betreut demnach bis zu elf Kinder. Und nicht nur die Lebenshilfe musste die Elternbeiträge erhöhen. Im Schreiben erklären die Träger der Kitas: Die Elternbeiträge in den Hofer Kindergärten sind von 2020 bis 2024 um 41,6 Prozent gestiegen (bei einer Buchung von fünf bis sechs Stunden). Diese Beiträge gehören zur Grundfinanzierung der Kindertagesstätten; 65 Prozent übernimmt der Staat über eine Förderung. Eine dritte Säule der Finanzierung wäre eine Defizitvereinbarung mit der Stadt Hof, erklärt Wonsack – diese steht aufgrund der Haushaltssituation aber derzeit nicht zur Verfügung.

Forderung nach mehr Förderung

Als wichtigstes Ziel nennen die Träger daher eine Erhöhung des Fördersatzes von bisher 65 Prozent auf insgesamt 90 Prozent. Dieser neue „Basiswert Hochfranken“ soll die spezielle Situation in der Stadt Hof berücksichtigen und die „Finanzierungslücken kurzfristig auffangen“. Das Spezielle an Hof sei die Sozialstruktur. In Hof leben viele Menschen mit Migrationshintergrund, das durchschnittlich verfügbare Haushaltseinkommen ist das niedrigste in Bayern und auch bei der Arbeitslosenquote und dem Schuldnerquotienten liege die Saalestadt deutlich über dem bayerischen Durchschnitt. Mit 25 Prozent überdurchschnittlich hoch ist in Hof auch die Kinderarmutsquote.

Mit welchen Herausforderungen die Hofer Kitas zu kämpfen haben, verdeutlichte auch Tatjana Schlemmer, Geschäftsführerin der Katholischen Gesamtkirchengemeinde Hofer Land. In der Kita St. Marien im Bahnhofsviertel liege der Migrationsanteil bei 96 Prozent, trotzdem gibt es dort finanziell die gleichen Voraussetzungen wie in anderen Betreuungseinrichtungen. Um diesen Kindern die gleichen Bildungschancen zu ermöglichen wie Kindern ohne Migrationshintergrund, müsste sich die finanzielle Ausstattung ändern. Für diese Integrationsleistung bedürfte es schließlich mehr Personal.

Im Oktober waren Vertreter der Trägereinrichtungen bereits bei der bayerischen Sozialministerin Ulrike Scharf zu Gast. Der Besuch war für die Hofer Parteien jedoch ernüchternd. Tatjana Schlemmer ist speziell ein Satz der Ministerin in Erinnerung geblieben, als sie kritisierte, dass Kinder im Hofer Land nicht die gleichen Bildungschancen haben wie Kinder aus dem Raum München. Dem stimmte Scharf wohl einfach zu – ohne ein Lösung für dieses Problem aufzuzeigen.

„Der Besuch im vergangenen Herbst hat bislang keine Früchte getragen“, sagt Jörg von der Grün. Deswegen wolle man es nun auf einem anderen Weg versuchen. Der Verbund aus Kita-Trägern hat sich neben der Stadt Hof auch die Elternvertreter mit an den Tisch geholt. Als Vertreter zum Pressegespräch waren Sabrina Polykandriotis, Elternbeirätin im Montessori-Kinderhaus der Lebenshilfe, und Matthias Patzer, Elternbeirat im St.-Pius-Kindergarten, gekommen. Sie machten deutlich, wie dramatisch sich die aktuelle Situation für die Eltern darstellt.

„Einige Familien kommen an ihre finanzielle Grenzen“, sagt Sabrina Polykandriotis. Sie fragen sich, ob sie sich den Besuch einer Kindertagesstätte für ihre Kinder überhaupt noch leisten wollen. Vereinzelt überlegten Elternteile bereits, ob sie ihren Beruf ganz aufgeben sollen. Das habe wiederum Auswirkungen auf die Gleichstellung, weil meist Frauen aufhören zu arbeiten, und auf den gesamten Arbeitsmarkt.

„Nicht jeder hat die Möglichkeit, im Homeoffice zu arbeiten, und so fehlt dem Arbeitgeber das Personal“, erklärt Matthias Patzer. Problematisch werde es für Eltern besonders, wenn das Personal in den Kitas krankheitsbedingt ausfällt. Es gebe Einrichtungen, die die Zeit deshalb einteilen. An manchen Tagen der Woche könnten Kinder die Kita deshalb gar nicht aufsuchen. „Nicht jeder hat Großeltern in der Nähe, die sich in der Zeit um die Kinder kümmern. Manche davon sind heutzutage vielleicht noch berufstätig“, sagt Patzer.

Für Kinder bedeute ein Fernbleiben von der Kita Defizite in der frühkindlichen Entwicklung, sagt Burkard Baier, Unternehmensbereichsleiter Schulen, Jugend, Soziales und Sport in der Stadt Hof, und bezieht sich damit zum Beispiel auf die Sprachentwicklung. Für Tatjana Schlemmer hat die aktuelle Situation zumindest einen Vorteil mit sich gebracht: „Es ist schön, dass wir alle näher zusammengerückt sind. Der Austausch, der entstanden ist, ist bereits ein gutes Zeichen.“