Judas - Wer ist es?

In diesen Tagen überlege ich in besonderer Weise, was ich am Gründonnerstag predige. Über das Abendmahl – das liegt sehr nahe, z. B. Jesu Hingabe, seine Liebe, kommt in der Fußwaschung in besonderer Weise zum Ausdruck. Im Nu habe ich eine Brücke zur Eucharistie und zum Alltag geschlagen.
Aber an den Verrat des Judas im Garten Gethsemane oder noch mehr: an die unheimliche und verlogene Situation und über die Motivation des Judas habe ich mich noch nie so richtig herangetraut: Judas nimmt am Mahl Jesu mit seinen Jüngern noch als vermeintlicher Freund Jesu teil, obgleich er schon mit den Todfeinden Jesu den Verrat an Jesus abgesprochen hatte. Judas ist einer von den Zwölf. Das heißt: „Es war unmöglich, dass dies geschah, es war ganz unmöglich. Aber warum geschah es doch?“
Wir hören heute im Evangelium einen Abschnitt davon. Die Stimmung bei den Jüngern muss schon ein unheimlich gewesen sein. Und einer nach dem anderen fragt sich: „Wer ist es?“
Judas gilt in der christlichen Tradition seit zweitausend Jahren als böse, ja als bösartigste Gestalt der ganzen Weltgeschichte, sozusagen ein Teufel in Menschengestalt. Aus reiner Geldgier bringt er seinem besten Freund, hinterhältig und verlogen mit Bruderkuss den Tod. Kopfschüttelnd: „Wer macht denn so was?“
Dass uns dieser Judas und sein hinterlistiges Handeln wirklich nicht liegen, habe ich hautnah in einer Laienspielgruppe mitbekommen, als es darum ging, diese Rolle zu besetzen. Im Gegensatz zur Jesus-Rolle, die schnell vergeben war, rümpfte man über den Verräter die Nase. Betretenes Schweigen. - Man sieht in diesem Judas den Abgrund von Schlechtigkeit und Hinterlist. – Nun, nach einiger Zeit hat sich schließlich doch noch einer erbarmt, diese Judas-Rolle anzunehmen. Ein Aufatmen war zu spüren.
Wenn wir das heutige Evangelium hören, dann sollten wir nicht vorschnell Judas beiseiteschieben. Wir sollten uns dieser Geschichte voll Erschrecken aussetzen und uns – wie die Jünger fragen: „Herr, bin ich's?“ Denn sicherlich steckt in jedem von uns auch ein Judas, wenn in schwarzen Augenblicken, ein Zweifel aufblitzt, der dem Verrat nicht unähnlich ist. Und niemand weiß wirklich, wie schnell widrige Lebensumstände einen tief fallen lassen können - so tief wie Judas.
Am Tag danach begehen wir den Karfreitag. Jesus ist auch für Judas gestorben. So endet die Geschichte Judas nicht mit seinem Tod. Sie endet mit Jesu Worten am Kreuz: "Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.“ Auf die Liebe am Gründonnerstag folgt die Hoffnung am Karfreitag.