Heiliges Essen- heiliges Trinken

Was unterscheidet den christlichen Ritus von anderen Religionen? Mit dieser Frage beschäftige sich Prof. em. Dr. Dr. Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz. Dieser aufschlussreiche Vortrag fand im Rahmen der katholischen Erwachsenbildung im Pfarrsaal der katholischen Pfarrgemeinde „Verkündigung Christi" in Naila statt. Zahlreiche interessierte Zuhörer hatten sich dazu eingefunden.
Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz studierte Philosophie, Germanistik und Politische Wissenschaften in München und Heidelberg und wurde im Jahr 1970 bei Ernesto Grassi zum Dr. phil. promoviert. Im Jahr 1979 habilitierte sie sich über die italienische Renaissancephilosophie. 1995 wurde ihr die Ehrendoktorwürde der Philosophisch-Theologischen Hochschule Vallendar verliehen. Dekan Andreas Seliger freute sich, dass diese hochrangige Referentin der Einladung gefolgt ist. Aber sie ist in Naila längst keine Unbekannte mehr. Man erinnert sich noch gerne an den Einkehrtag, den sie vergangenes Jahr gehalten hatte.
„Heiliges Essen- heiliges Trinken" - ihr Thema dieses Vortrages:
Das Heilige Essen - das Heilige essen? Gemeinsam zu essen ist mehr als das Aufladen von körperlicher Energie, begann die beliebte Referentin. Es sei die Gründung einer Gemeinschaft, die Trost spendet. Gemeinsam zu essen, ohne Gemeinschaft zu haben, findet sie eine Art krimineller Akt. In frühen Religionen laden die Götter die Menschen ein, ihre Speisen und Getränke z.B. Nektar und Ambrosia zu teilen: Als Ausdruck der Gemeinschaft mit den Göttern und als gewährte Teilhabe an der ewigen Jugend. In der griechischen Mythologie wird Tantalus - der dieses Angebot verschmäht - mit ewigem Hungertod bestraft; in der jüdischen Mythologie werden Adam und Eva - und die Menschen, die von der verbotenen Frucht essen - noch härter bestraft. Aber keine dieser Traditionen spricht von einem Gott, der sich selbst als Mahlzeit gibt, betonte die kompetente Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz. Genau das sei das Zentrum der christlichen Eucharistie: Blut und Fleisch als Antidotum gegen die böse Frucht des Gartens Eden. "Sobria ebrietas" wird zur Verheißung des großen Hochzeitsmahls in der eschatologischen Zukunft. Dies ist der Unterschied zwischen dem heiligen Essen und dem Essen des Heiligen selbst.
Der Gedanke der leibhaften Gottheit ist nicht mehr magisch oder mythisch begrenzt, obwohl er davon unterlegt ist, sondern ist konkret gemeint: Gott selbst wandelt sich in Speise und Trank. Eben das findet im Christentum statt: Mittig im Gottesdienst steht nicht nur das Hören des Wortes, das sich in Gegenwart wandelt, sondern auch das sakramentale Essen und Trinken von Fleisch und Blut des Sohnes Gottes. Eucharistie ist die Rückkehr ins Paradies zum Baum des Lebens, der wiederum mit dem Kreuz identisch ist. Die Feier der Eucharistie und aller Sakramente schenkt jene geistige Sinnlichkeit oder integrale Sinneserfahrung zurück, die das Paradies des „Anfangs" ausmacht. Nun könnte man die Bedeutung der Eucharistie abgeschwächt empfinden, wenn man sie „nur symbolisch“ nähme. Symbol aber „ist das, was es bedeutet", so nach patristischer Entfaltung in ihrer stärksten Aussage. Symbol ist nicht nur ein Bild, das auf ein anderes hinweist, sondern es ist zugleich das, worauf es verweist. Es verweist auf sich selbst. Sinnliches Außen und übersinnliches Innen sind ein einziges „symbolon“. In dieser Wiederbegegnung von Sinnlichkeit und Geist, (Sinnlichkeit und Sinn!) ist die pneumatische Wahrheit Christi in den Sakramenten Gestalt geworden.
Das heißt nicht, um einen Einwand vorwegzunehmen, dass man die sinnliche, bildliche Seite des Symbols „besitzen" könne und damit von selbst den Sinn „habe“. Daher kann man das Abendmahl nicht magisch essen, d. h. mechanisch aufnehmen. Thomas von Aquin hat die Frage, ob eine Maus, die das eucharistische Brot frisst, Gott empfängt, eindeutig verneint. Daher schützt das symbolische Verständnis, die Realpräsenz Christi in der Spannung zwischen materiellem, sinnlichem Träger und geistigem Sinn auch vor dem Vorwurf des Kannibalismus. Denn der Gläubige schlürft ja nicht Blut und kaut nicht Fleisch, sondern er nimmt es in der sinnlichen Gestalt von Wein und Brot in seiner übersinnlichen Bedeutung auf. Bernhard von Clairvaux spricht vom "palatum cordis", dem "Gaumen des Herzens". Ein tiefer Zusammenhang schließt sich zwingend an: jener zwischen Essen und Lieben. In den Evangelien wird mehrfach vom großen Hochzeitsmahl als Besiegelung der Gottwerdung des Menschen, der Einheit von Gott und Mensch gesprochen: In diesem Bild ist die schöpferische Einheit von Essen und Lieben, von Genießen und Bleiben aufgerufen. Das Aufblitzen des Neuen in der Gestalt Jesu beginnt mit dem Fest aller Feste: einer Hochzeit (Joh 2, 1–11). Auf Bitten der Mutter wandelt der Gast die bäuerliche Feier in Kana ins aufblitzend Große: ins endgültige Fest von unfasslicher Fülle. So öffnet sich das dörfliche Haus zum überirdischen Festsaal. Auch der Gast öffnet sich: Plötzlich ist der Unauffällige der wirkliche Bräutigam. In Kana wandelt er Wasser, drei Jahre später wird er Wein wandeln: in sein eigenes Blut. Es ist der letzte Trank, den er anzubieten hat, über alles Begreifen hinaus. Aber in Kana fängt das Unbegreifliche schon an: das Atemholen, die große Freude, der strömende Reichtum. „Das ist der Unterschied zwischen dem heiligen Essen und dem Essen des Heiligen!“ Die Referentin hat noch viele verständliche Erklärungen gegeben, die aber den Rahmen dieser Berichterstattung sprengen würden. Am Schluss bedankte sich Dekan Andreas Seliger bei Prof. Dr. Dr. Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz im Namen aller beeindruckten Zuhörer für diesen überaus wertvollen Vortrag. Sie alle freuen sich jetzt auf ihren nächsten Vortrag im Juli, wenn sie über "Maria Magdalena" sprechen wird.