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Gott baut ein Haus, das lebt

Fenster St. Pius
Datum:
Veröffentlicht: 10.11.24
Von:
Stefan Fleischmann
Predigt zum Kirchweihfest

"Gott baut ein Haus, das lebt.“ Haben Sie dieses Lied schon einmal gehört oder sogar gesungen? Sicherlich! In einfacher Sprache bringt das Lied ins Wort, was Kirche heute noch sein möchte, so dass es wirklich jeder singen und verstehen kann: „Aus lauter bunten Steinen, aus großen und aus kleinen, eins, das lebendig ist.“

Aber gehen wir einen Schritt weiter zurück, nämlich in das Jahr 1974. In der Pfarrei Klein Wanzleben (bei Magdeburg) soll demnächst ein Familiengottesdienst stattfinden: „Lasst euch als lebendige Steine zu einem geistigen Haus aufbauen, zu einer heiligen Priesterschaft, um durch Jesus Christus geistige Opfer darzubringen, die Gott gefallen.“ (1 Petr. 2,5) Waltraud Osterlad, evangelische Pfarrerin der hiesigen Gemeinde, möchte die frohe Botschaft einer lebendigen Kirche diesmal in Form eines Liedes unterstreichen. Sie komponiert einen kindgerechten „Ohrwurm“. Seitdem zieht das Lied seine Kreise in Deutschland, Österreich und der Schweiz und wird von Jung und Alt gerne gesungen.

Geschichte

Das Lied ist eng mit Pfarrerin Waltraud Osterlad und ihren Erfahrungen in der Pastoral verbunden. Insgesamt 28 Jahre ist sie Pfarrerin in Klein Wanzleben, davon 22 Jahre in der DDR. Ob das Kirchenlied auch ein Spiegelbild folgender Geschichte ist, die sich damals zugetragen hat?

Die viel benutzte Kirche ist verfallen, vor allem der Kirchturm ist einsturzgefährdet. Was tun? Zum Wiederaufbau werden der Pfarrerin immer wieder Steine in den Weg gelegt. Eine Genehmigung, Handwerker anstellen zu dürfen, ist fast aussichtslos. Ebenso ist das Material nur eingeschränkt erhältlich. Pfarrerin Osterlad lässt sich nicht entmutigen. Sie packt zunächst selbst mit an, findet aber auch schnell Mitstreiter in ihrer Gemeinde, die sich nach ihrer Arbeit ins Zeug lege. „Alleine geht es ja auch nicht!“

Größtenteils in Feierabendarbeit – über Grenzen hinweg und mit vereinten Kräften - gelingt der Wiederaufbau der Kirche. Sogar die Partnergemeinde in Melsungen/bei Kassel wird im ins Boot geholt, um das nötige Material für das Dach zu beschaffen.

Diese Geschichte erinnert sehr stark an Franziskus von Assisi und seinen Auftrag, die halb zerfallene Kirche von San Damiano für den Herrn wieder herzustellen. Später geht ihm auf, dass auch eine geistliche Erneuerung der Kirche als Ganzes ansteht. Auch er schafft es nicht alleine. Er braucht Brüder und Schwestern, die sich von ihm angezogen fühlen und angesprochen wissen.

Bedeutung heute

Das Lied setzt auf eine bildhafte Sprache vom geistlichen Bau, und vor allem, dass Gott selbst der Handelnde bzw. der Baumeister ist. Welche Wohltat und Befreiung für alle Beteiligten in unseren Kirchengemeinden, sich in den hierarchischen Strukturen, den unterschiedlichen Rollen und vielfältigen Aufgaben nicht allzu wichtig zu nehmen oder sogar selbst der Baumeister sein zu wollen. „Wenn nicht der Herr das Haus baut, müht sich jeder umsonst, der daran baut.“ Ps 127,1

Was macht dieses Haus Gottes lebendig? Das Lied gibt die Antwort: die Vielfalt. Ganz selbstverständlich ist von großen, kleinen und bunten Steinen die Rede: „Du, ich und jeder Christ.“ Der Petrusbrief spricht von der „heiligen Priesterschaft“. Das ist eine Einladung aller Getauften, sich diesem Haus Gottes zugehörig zu fühlen. Was die Lebendigkeit unterstreicht, dass der Bau noch lange nicht abgeschlossen ist und dieser immer wieder Veränderungsprozessen und Kurskorrekturen unterliegt: Baustelle Kirche! Das Bedarf ein hohes Maß an Kommunikation, Kritikfähigkeit, Empathie und Risikobereitschaft.

Das Lied versäumt es nicht, nochmals auf die Besonderheit dieses Baus hinzuweisen: „Aus ganz, ganz vielen Leuten, die in verschiedenen Zeiten hörten von Jesus Christ.“ Die christliche Kirche ist sozusagen hineingestellt in eine lange Tradition, die sich auf Jesus Christus beruft und ihm nachfolgt. Dieses Erbe ist wie ein zu bewahrender Schatz, der aber nicht Innovation und Initiative ausschließt. Ganz im Gegenteil! Wenn es darum geht, die Welt durch die frohe Botschaft Jesu Christi zu verändern, bedarf es Talente und Fähigkeiten: „Er selbst weist dir die Stelle, in Ecke, Mauer, Schwelle, da wo du nötig bist.“ Vor allem braucht es Raum und Zeit für Ideen und Neuaufbrüche, auch das eine oder andre auszuprobieren: „Er gibt dir auch das Können, lässt dir den Auftrag nennen, damit du nützlich bist.“

Das Lied ist getragen von einem großen Vertrauen, das in jeden Menschen gelegt wird, der sich an Ort und Stelle einbringt und seinen Dienst tut. Vielleicht ist das auch die Grundlage allen ehren – und hauptamtlichen Engagements, damit etwas Neues wachsen und entstehen kann. Statt Kontrolle und Misstrauen steht Ermöglichung und Vertrauensvorschub. „Wir kennen seinen Namen und wissen auch zusammen, dass es die Kirche ist.“ Damit schließt das Lied und bewahrt den Einzelnen vor Individualisierung und Eigenmächtigkeit. Nur zusammen kennen und erkennen wir Ursprung, Ziel und Sinn von Kirche: Jesus Christus.

1. Gott baut ein Haus, das lebt, aus lauter bunten Steinen, aus großen und aus kleinen, eins, das lebendig ist.
2. Gott baut ein Haus, das lebt, wir selber sind die Steine, sind große und auch kleine, du, ich und jeder Christ.
3. Gott baut ein Haus, das lebt, aus ganz, ganz vielen Leuten, die in verschiednen Zeiten hörten von Jesus Christ.
4. Gott baut ein Haus, das lebt, er sucht in allen Ländern, die Menschen zu verändern, wie`s dafür passend ist.
5. Gott baut ein Haus, das lebt, er selbst weist dir die Stelle, in Ecke, Mauer, Schwelle, da wo du nötig bist.
6. Gott baut ein Haus, das lebt, er gibt dir auch das Können, lässt dir den Auftrag nennen, damit du nützlich bist.
7. Gott baut ein Haus, das lebt, wir kennen seinen Namen und wissen auch zusammen, dass es die Kirche ist.