Liebe Schwestern und Brüder,
- „am Abend des ersten Tages der Woche“, so beginnt das heutige Osterevangelium. Es erinnert an das Zusammenkommen der Urchristen am 1. Tag der Woche bzw. am Herrentag. Wie wichtig den ersten Christen dieser Tag geworden ist, geht aus dem Jahr 304 nach Christus hervor, als sie in der Zeit der Christenverfolgung unter Kaiser Diokletian bezeugen: „Ohne den Sonntag können wir nicht leben.“
- Der Glaube braucht Erfahrung, eigenes Erleben, nicht nur die Glaubenszeugnisse anderer oder gar auswendig gelernte Formeln, das spürten die Christen damals. Ansonsten verdunstet der Glaube. Wenn wir uns in unseren Kirchengemeinden Jahr für Jahr bemühen, die Kinder der 3. Klasse zur ersten heiligen Kommunion zu führen (in der Schule, im Gottesdienst, in den Gruppenstunden) dann mag das der springende Punkt zu sein. Vom Glaubenswissen zur Glaubenserfahrung. Ich sage immer scherzhaft: „Was nützt es mir, wenn ich weiß, wie ich Schnitzel mit Kartoffelsalat zubereite, ich probe es aber selbst nie aus, geschweige denn, ich koste davon. Das Rezept in der Schublade und das Wissen darüber nützt mir gar nichts.“
- In Thomas wird uns ein Jünger vorgestellt, der die Erfahrung mit dem Auferstandenen selbst machen möchte: „Wenn ich nicht die Male der Nägel an seinen Händen sehe und wenn ich meinen Finger nicht in die Male der Nägel und meine Hand nicht in seine Seite lege, glaube ich nicht.“ Für Dorothee Sölle sind Herr Glaube und Frau Zweifel seit Jahrhunderten miteinander verheiratet.
- Der Zweifel ist der große Gegenspieler des Glaubens. Wer zweifeln kann wie Thomas, braucht nicht zu verzweifeln. Er hat die Kraft zu entschiedenem Vertrauen und zu gefestigtem Glauben, weil der Zweifel immer auch als eine Wachstumschance gedeutet und begriffen werden kann.
- Jesus hat den Zweifler Thomas nicht abgewiesen und ihn nicht verurteilt. Er hat ihm über seine Zweifel hinweg eine Brücke der liebenden Anschauung seiner Kreuzigungsmale gebaut, so dass Thomas ihn nicht wirklich körperlich berühren braucht. Letztlich konnte aufgrund dieser Erfahrung der Glaube wachsen und sich versichern gegen die Zweifel des Außenstehenden: „Mein Herr und mein Gott“.
- Das Wort „Glaube“ kommt von „sein Herz hingeben“, um das unergründliche Geheimnis Gottes zu erfassen. Der Glaube beinhaltet auch immer ein Suchen und Fragen und Hinterfragen: „Gibt es wirklich ein Leben nach dem Tod“ „Wie soll man sich die Auferstehung vorstellen?“ „Sehen wir uns alle wieder?“ Immer geht es darum, nicht blind irgendwelchen Traditionen und Autoritäten zu folgen, sondern selbst verantworten zu können, was ich glaube; und um die Grenzen meines Erkennens zu wissen- gerade dann, wenn ich das Glaubensbekenntnis spreche.
- Persönliche Schicksalsschläge, aber auch Kriege, Terror und Hungersnöte lassen uns im Glauben zweifeln an dem, der „alles so herrlich regieret“. „Wer bist du, Gott?“ - Da ist manchmal Gott ganz fern und eine erlebte Leere lässt das Gebet verstummen: „Wenn es Gott gibt, wie konnte er zulassen, was mir gerade passiert?“
- Und da gibt es Phasen, wo ich wenig Glaubensfreude verspüre oder nur unzureichend von meinem Glauben Zeugnis geben kann, weil der Brunnen des Glaubens im Laufe der Zeit leer geworden ist: Haupt- und ehrenamtliche Mitarbeiter sind davon nicht unberührt. Glaube ich noch das, was ich verkünde?
- Wir wissen: Adressaten des Evangeliums sind die Menschen, die weder einen unmittelbaren Kontakt mit dem irdischen Jesus noch einen solchen mit den ersten Jüngern und Aposteln hatten und denen auch der Auferstandene nicht erschienen ist. Thomas ist eine Identifikationsfigur eben dieser nachfolgenden Generationen, die tiefer schauen müssen, um zu erkennen. „Selig, die nicht sehen und doch glauben“; mit dieser Seligpreisung schließt Jesus – denn das Wesentlichste, die Liebe des Herrn, ist für die Augen unsichtbar, für das Herz aber, das zum Herzen spricht, strahlend deutlich und klar.
- Papst Gregor der Große würdigt die Bedeutung dieses Ereignisses: “Thomas' mangelnder Glaube hat für unseren Glauben mehr getan als der Glaube der Jünger.” Ich bin mir sich: Mangelnder Glaube und Glaubenszweifel in unserer Gesellschaft und Zeit haben uns und unseren Kirchengemeinden auch heute etwas zu sagen.
Amen.