Friedhofsgespräche

1. Wer geht schon gern auf den Friedhof? Für Kinder ist der Friedhof oft gruselig und unheimlich – gerade nachts. Erst kürzlich hat mir ein Junge gesagt: „Auf dem Friedhof spukt es!“ Für Erwachsene ist der Friedhof die volle Konfrontation mit der Endlichkeit ihres Lebens. Von daher ist es heute vielen Menschen recht, dass der Friedhof eher am Rand der Stadt zu finden ist.
2. Ja, der Gedanke an den Tod erschreckt uns. Und der Verlust tut im Herzen weh, sehr weh, wenn der Liebste nicht mehr da ist. Da stehen Liebende am Grab ihres Liebsten – voller Ohnmacht und Trauer. Und doch finden auf dem Friedhof auch sehr wertvolle Gespräche und einmalige Begegnungen statt. Ich nenne diese Begegnungen „Friedhofgespräche“. Eine solche Begegnung besonderer Art hatte Maria von Magdala am Ostermorgen.
3. Sie geht frühmorgens zum Grab, so hören wir heute im Evangelium, genauer gesagt geht sie sogar zweimal zum Grab. Dieser Weg zum Grab, der letzte Liebesdienst, ist noch das einzige, was ihr geblieben ist. Sie möchte Jesus nicht vergessen. Sie kann ihn nicht vergessen. Sie will ihn nicht vergessen. Was sie dann aber erleben muss, ist der Albtraum schlechthin: „Man hat meinen Herrn weggenommen, und ich weiß nicht, wohin man ihn gelegt hat.“ Diese Worte sprechen von tiefer Verzweiflung und Haltlosigkeit, ihn zurückzuholen und an ihm festzuhalten. Ganz offen kommt dies zum Ausdruck: „Maria weint.“
4. Was dann beginnt, ist ein Gespräch. Ein „Friedhofgespräch“. Der Künstler Sieger Köder hat den Verlauf des Gesprächs ins Bild gebracht. Er verdreht fast ihren Kopf, was im Evangelium im zweimaligen Sich-Umdrehen der Maria grundgelegt ist.
5. Wir sagen ja manchmal: „Jemanden den Kopf verdrehen.“ „Oder du hast mir den Kopf verdreht.“ Was bedeutet diese Redewendung bezogen auf unser Osterevangelium? Maria von Magdala ist so beeindruckt, dass sie in diesem Gespräch einen kompletten Perspektivwechsel oder besser gesagt eine innere Wandlung – ja eine Wende – in ihrer Beziehung zu Jesus erfährt – sozusagen vom irdischen zum auferstandenen Herrn. Ursache hierfür ist wohl das persönliche Angesprochen- und Erkanntwerden: „Maria“. Das ist Dreh und Angelpunkt neuen Sehens und Neugeborenwerdens, so dass sie die Worte Jesu annehmen kann: „Halte mich nicht fest; denn ich bin noch nicht zum Vater hinaufgegangen. Geh aber zu meinen Brüdern, und sag ihnen: Ich gehe hinauf zu meinem Vater und zu eurem Vater, zu meinem Gott und zu eurem Gott.“
6. Wie oft würden wir – wie Maria von Magdala – auch einen neuen Blick gewinnen wollen auf unser Leben, auf unsere Mitmenschen, auf unsere Welt? Eine innere Wandlung auf unserem Lebens- und Glaubensweg, wenn alles auf dem Kopf zu stehen scheint - Leid, Krankheit, Sterben und Tod - um neu geboren zu werden? Eine Perspektive, die Leben lässt und das Leben lebenswert macht? Sog. „Friedhofgespräche“ sind nicht planbar, sie sind wohl eher ein Geschenk, sich in der Trauer und im Leid verstanden und angenommen zu wissen. Da fließt die eine oder andere Träne, da wird über die eine oder andere Erinnerung sogar gelacht oder man tauscht sich aus, wie es jetzt in einer neuen Weise weiter geht.
7. - Ostern kennt einen Ausweg aus dem Tal der Tränen. Und es lohnt sich danach zu suchen – wie es Maria von Magdala und die anderen Jünger getan haben, um selbst eine innere Auferstehung zu erfahren.
- Ostern fordert uns sogar heraus, Gott selbst an seinen Bund zu erinnern, in unseren Klagen und Zweifeln sein rettendes Handeln einzufordern.
- Ostern verdreht uns den Kopf und schenkt uns eine neue Perspektive, dass Gottes Handeln immer zum Leben führt – Lebende und Tote: Gott, der uns in der Taufe beim Namen ruft und am Ende unseres Lebens: „Steh auf. Christus, dein Licht, rettet dich.“
8. Der große Theologe Romano Guardini hat einmal gesagt: „Der Tod ist die uns zugewandte Seite jenes Ganzen, dessen andere Seite die Auferstehung heißt.“ In Maria von Magdala dürfen wir uns wiedererkennen. Denn auch uns sind Begegnungen mit Jesus und untereinander geschenkt. Sie machen uns Mut und richten uns auf, weil sie oft diese beiden Seiten zum Inhalt haben.
Amen.