Firmpredigt von Domkapitular Dr. Norbert Jung

Liebe Firmlinge, liebe Eltern, Paten und Verwandten unserer Firmlinge, liebe Schwestern, liebe Brüder!
Eine seltsamen Abschnitt aus der Bibel haben wir eben gehört: Jesus schickt seine Jünger und Jüngerinnen in alle Städte und Dörfer, in die er selbst gehen wollte – und damit sind natürlich wir gemeint: Denn Jesus will zu allen Menschen kommen, auch heute noch, aber er kann bei ihnen, in ihrem Haus und in ihren Herzen nur dann ankommen, wenn wir ihm sozusagen den Weg bereiten, wenn wir den Menschen, die uns begegnen, von ihm erzählen, oder besser noch sie ohne viele Worte spüren lassen, dass er mit uns ist. Es sind aber sehr merkwürdige Tipps, die Jesus seinen Leuten, also uns, mit auf den Weg gibt: Wir sollen keinen Geldbeutel mitnehmen, keine Vorratstasche und keine Schuhe [Frage: Kommt man damit weit?]. Komischerweise sagt Jesus auch, wir sollten niemanden unterwegs grüßen – auch das ist doch kontraproduktiv, denn da wird doch jeder sagen: Mit diesen unfreundlichen Leuten wollen wir nichts zu tun haben. Eigenartige Botschafter sind das, die sich selbst im Weg stehen und nicht einmal die zur Verfügung stehenden Hilfsmittel dabei haben oder psychologisch geschult die Methoden der überzeugenden Kommunikation anwenden sollen.
Warum gibt Jesus solche unpraktischen, um nicht zu sagen weltfremden Anweisungen? Ihm geht es darum, deutlich zu machen, dass wir uns, wenn es um das Reich Gottes geht, nicht mit Nebensächlichkeiten und Äußerlichkeiten aufhalten sollen, sondern direkt zur Sache kommen sollen. Diese Tipps, die uns Jesus mit auf den Weg gibt, sind wirklich „weltfremd“ – aber das ist kein Widerspruch zur Botschaft, die wir Christinnen und Christen in und mit uns tragen, denn die ist ja auch in gewisser Weise weltfremd, sie kommt nicht von dieser Welt, sie entspricht auch nicht dem, wie es auf der Welt normalerweise so zugeht, sie ist utopisch und erscheint zunächst unrealistisch. Genau darum geht es: Die Botschaft des Christentums findet oft keinen Platz in dieser Welt (nichts anderes bedeutet das griechische Wort ou-topos), und es scheint so, dass dieses Hinausdrängen der christlichen Botschaft aus unserer Welt in letzter Zeit stärker geworden ist als es früher schon der Fall war.
Und worin besteht diese christliche Botschaft? Ein wichtiges Stichwort liefert uns das Evangelium: Im Frieden – damit ist aber nicht nur (wie wir dieses Wort häufig umgangssprachlich verwenden) die bloße Abwesenheit von Krieg gemeint, sondern – um es philosophisch auszudrücken – im Einklang mit seiner Umwelt leben, ohne Gewalt und Aggression. Der Friede beginnt also nicht erst dann, wenn – um ein aktuelles Beispiel zu nennen – Putin seinen Angriffskrieg einstellt und die Waffen schweigen, sondern er beginnt schon viel früher, in jedem Haus (damit ist mit den Worten der Bibel jede Familie gemeint), ja eigentlich in jedem Herzen, bei jedem Einzelnen. Bloßer politischer Frieden (verstanden als Abwesenheit von Krieg) beinhaltet nämlich noch viel zu viel Aggression und Unzu-frieden-heit, z. B. weil der Mächtigere den Schwächeren unterdrückt und der sich deswegen nicht traut aufzumucken, oder weil bei einem Gleichgewicht des Schreckens aus tausenden von Atombomben niemand vernünftiger Weise einen Krieg anfängt: Einen solchen Frieden meint Jesus nicht, sein Ansatz ist grundsätzlicher und tiefer gehend und daher letztlich auch Erfolg versprechender.
Wir können das an einem kleinen Wörtchen im heutigen Evangelium erkennen: „Das Reich Gottes ist euch nahe“, sei die Botschaft, meint Jesus. Es geht also nicht – und dieser Unterschied ist wichtig – um ein Reich, das in dieser Welt in Raum und Zeit zu errichten wäre: Auch wenn es noch so idealistisch gedacht ist, ist und bleibt das eine Utopie, sogar eine gefährliche, denn schon viele habe es versucht, im Namen Gottes ein Reich zu errichten, oft sogar in guter Absicht, zumeist aber mit unguten Folgen oder zumindest „Kollateralschäden“. Das Reich Gottes ist uns also nicht nahe im Sinn von nicht mehr weit entfernt oder bald eintreffend (ein solches Denken wäre sektiererisch und das überlassen wir gerne auch den Sekten oder sektenhaften so genannten freien Kirchen), sondern es verhält sich unmittelbar zu jedem einzelnen von uns, es ist individuell, unabhängig von Zeit und Raum zu verstehen. Gleichzeitig behauptet die Bibel aber nicht: „Das Reich Gottes ist in dir“, sondern sie nuanciert und sagt nicht ohne Grund: „Es ist dir nahe“.
Vielleicht ist euch bei der Vorbereitung auf die heutige Feier aufgefallen, dass ich mit genau diesem Gruß, den Jesus im Evangelium genannt hat, die Firmung jedes Einzelnen von Euch abschließe: „Der Friede sei mit dir“. Was will ich damit sagen? Spätestens jetzt, am heutigen Tag, ist die Botschaft Jesu bei dir angekommen: Das Reich Gottes ist dir nahe. Du weißt jetzt, worauf es ankommt und was man alles nicht braucht, um glücklich und zu-frieden zu sein, und du bist jetzt selbst eingeladen, mit den die geschenkten Gaben des Geistes, von denen in der Lesung die Rede war, diesen guten Geist Gottes weiter zu verbreiten. Da muss man auch gar nicht viel Tamtam machen: wer diesen inneren Frieden, diese innere Zufriedenheit ausstrahlt, der zieht andere Menschen an, der wird im wahrsten Sinn des Wortes attraktiv, ganz unabhängig von seinem Alter, seinem Geschlecht, seinem Aussehen – und vor allem ganz unabhängig von Schminke und Verstellung und sich nur gut Verkaufen wollen.
Wenn wir uns auf die Botschaft Jesu einlassen, wenn wir sie in unser Herz einlassen, wenn wir ihr einen Ort geben und uns dafür öffnen, dann beginnt das Reich Gottes in uns eine Heimat zu finden und zu wachsen, das Reich des Friedens und der Gewaltlosigkeit, trotz aller Konflikte und negativen Gefühle, die wir manchmal in uns spüren. Und wenn – das meint das Evangelium mit dem Begriff „Haus“ – in einer Familie, in einem christlichen Haus mehrere Menschen zusammen wohnen, die diesen inneren Frieden, diese Zu-frieden-heit empfinden, leben und ausstrahlen, dann wird diese Familie, dann wird dieses Haus zu einer Keimzelle des Friedens in der Gemeinde und darüber hinaus in der Gesellschaft und in der Welt, vor allem wenn es viele Familien gibt, die von der Botschaft Jesu angesteckt leben und arbeiten.
Das ist übrigens die Idee, die der Kirche zugrunde liegt. In der Lesung haben wir das angedeutet gefunden in den Worten, dass die vielen im Heiligen Geist, den sie in der Taufe (und ich darf ergänzen: In der Firmung) empfangen haben einen einzigen Leib bilden und ihre Geistesgaben, ihre Begabungen, für das gemeinsame Ganze einsetzen. Dann verschwinden nämlich auch die Unterschiede, die oft Auslöser für Konflikte sind, denn alle – Paulus schreibt Juden und Griechen, Sklaven und Freie (wir würden heute vielleicht sagen: Deutsche und Ausländer, Chefs und Arbeiter) – wurden mit dem einen Geist getränkt.
Da haben wir übrigens auch wieder den Zusammenhang mit dem Geldbeutel und dem zweiten Paar Schuhe: Wahrer Friede des Herzens, echte Zufriedenheit kommt sicher nicht vom Besitz und vom Status, den jemand hat (das ist der große Irrglaube unserer Zeit) – vermutlich ist diese Auffassung das genaue Gegenteil von dem, was ihr normalerweise selber lebt und in eurer Umwelt erlebt. Trotzdem behaupte ich: Zufriedene und friedliche Menschen sind vielmehr Menschen, die wissen, worauf es wirklich ankommt im Leben. Diesen Frieden wünsche ich euch, liebe Firmlinge – und ich wünsche allen Menschen, die euch im Laufe eures Lebens begegnen und die euch wichtig sind und sein werden, dass sie euch diesen inneren Frieden anmerken und er zu ihnen überspringt. Deshalb sage ich zu jedem von euch: Der Friede sei mit dir! Amen.