Es ist vollbracht

13. Station
Jesus betet am Kreuz
und wird von allen missverstanden
JESUS:
Ich hatte Angst. Lähmende Angst. Jagende Angst. Angstschweiß am ganzen Körper.
Angst, die das Herz zusammenzieht. Angst, die dich zu sprengen droht. Angst, wie ein Mensch, dem Schuld und Sünde auf der Seele lasten. Angst, wie die Menschheit, die seit Adams Sündenfall den Tod fürchtet - bis einer kommt, der sie erlöst.
Ich rief zum Vater. Aber es schien, als hörte er mich nicht, wie es Menschen oft scheint, dass er taub sei und stumm, weil er sie nicht erhört. Ich aber wusste, dass er mich hört. Und dass ich gesandt bin, das durchzustehen, was nun folgen würde.
Aber ich hatte Angst. Menschliche Angst. Nicht vor dem Tod. Der Tod ist nur eine Tor. Aber bis dieses Tor zufällt ... Der Schmerz. Der Spott. Die Scham. Das Alleinsein. Ausgeliefertsein. Ausgestoßensein. Die Ungerechtigkeit. Und die Schuld. Mein Gott, die Sünde deiner ganzen Menschheit wird mir aufgeladen - nicht nur das Querholz des Kreuzes.
Ich hatte Kreuzigungen miterlebt, ich mache mir keine Illusionen; ich wusste, wie das vor sich geht. Und wie lange es dauert, bis einer endlich sterben darf. Stunden. Tage. Nächte. Ich hätte sie gern erlöst - schon damals - aber meine Stude war noch nicht gekommen.
Und dann hing ich selbst mit ausgespannten Armen.
...
Und die Zeit schleicht dahin. Minuten werden Stunden. Oder gibt es überhaupt keine Zeit mehr? Du denkst an nichts mehr. Du siehst nichts mehr. Du hörst nichts mehr. Du bist ganz Schmerz. Du selbst bist der Schmerz.
...
Manchmal taucht ein Bild auf: Du siehst Augen auf deine Nacktheit gerichtet. Oder siehst du sich nicht? Fühlst du sie nur wie Nadeln auf deiner Haut?
Ganz von ferne hörte ich sie spotten. Ich sollte vom Kreuz hinuntersteigen; dann würden sie mir glauben. Aber Freund, es war nicht mein Auftrag, mein Leben zu retten, sonder das deine.
...
Einmal glaubte ich, meine Mutter unter dem Kreuz zu erkennen. Und den Johannes. Ich wollte noch sagen, dass er sich um sie kümmern sollte. Und dass sie jetzt viele Söhne haben wird und viele Töchter. Ich weiß nicht, ob ich es gesagt habe. Das Blut dröhnte in meinen Ohren.
Dann verlor ich das Bewußtsein. Aber nur kurz, sie weckten mich mit saurem Wein. Plötzlich war wieder alles klar. Und ich wollte beten. Beten. Ich begann mechanisch mit unserem traditionellen Sterbegebet: Got, mein Gott, warum hast du mich verlassen ... Aber da stockte ich. Das war ein Vers, der hier nicht passt. Wie hätte ich von Gott verlassen sein können. Abba, mein Vater! Litt ich doch vor seinem Angesicht. In seiner Gegenwart. Und in der Gewissheit, nur ihm allein gehorsam zu sien.
Und er erbarmte sich. Er öffnete seine Arme. Er zog mich zu sich. Er sprach zu mir: Es ist vollbracht. Und es waren nicht einmal sechs Stunden vergangen.
Sie sagten: Mein Körper habe sich noch einmal aufgebäumt mit einem lauten Schmerzensschrei. Ich aber sage euch: Es war ein Jubelruf! Es wart ein Freudenschrei! Es war mein großes Alleluja!
Denn wie eine Mutter den Schmerz vergisst, wenn sie den Schrei des Kindes hört, vergaß ich den Schmerz in diesem Alleluja-Schrei: Ich hatte die Erlösung in die Welt gebracht!
aus: Margh Malina, auf dem Weg nach Golgotha. Ein Kreuzweg. Herder-Verlag 1985