Erwählung, Zuspruch und Gnade

Zum Fest „Taufe des Herrn“ drei Beispiele aus dem pastoralen Alltag:
- Eltern lassen ihr Kind nicht taufen. Sie tun sich schwer; das Kind soll einmal selbst darüber entscheiden. Das Thema „Taufe“ steht immer wieder im Raum; und in diesem Zusammenhang auch das schwierige Verhältnis zur kath. Kirche. Die beiden Kinder sind jetzt 6 Jahre und 3 Jahre alt. Sie feiern Weihnachten. Der eine Junge fragt nach... was dieses oder jenes bedeutet! Er faltet die Hände zum Gebet. Und die Mutter streichelt ihn liebevoll über den Kopf.
- Eltern haben den Wunsch ihr Kind taufen zu lassen. Ihr Glaube ist diffus, das Glaubensbekenntnis ist ihnen fremd. Aber: Es ist ihnen ein Herzenswunsch, das Kind unter den Segen und Schutz Gottes zu stellen: „Ein Engel soll unseren Theo auf seinem Lebensweg begleiten“, sagen sie. Außerdem ist die Taufe eine große Tradition in der Familie. „Wir alles sind getauft!“ Der Priester denkt immer wieder an diese Familie, die er nach der Tauffeier nicht mehr gesehen hat; man verliert sich einfach aus den Augen.
- „Mir kamen die Tränen, als ich Papst Franziskus gesehen habe. Ich war innerlich tief bewegt. Und ich hatte den Wunsch, getauft zu werden.“ Ein dreißigjähriger Mann, mitten im Leben, Unternehmer, verspürt: Es muss noch mehr geben, als das, was ihn täglich beschäftigt und aufreibt. So lässt er sich auf die Erwachsenentaufe vorbereiten, lässt sich eine Bibel schenken, nimmt an Glaubensgesprächen teil, lernt das Beten und wird schließlich im Beisein seiner ganzen Familie und seiner Freunde getauft.
Das Fest Taufe des Herrn konfrontiert uns mit dem Beginn des eigenen Christseins in der Taufe. Sie ist Ausdruck von Erwählung, Zuspruch und Gnade zugleich – ein Leben lang.
Erwählung: Für die meisten Menschen geschieht die Erwählung zum Christsein durch ein Hineingeborenwerden in eine Glaubensgemeinschaft, in eine Kirche. In einer Präfation hören wir: „In ihm (Jesus Christus) sind wir ein auserwähltes Geschlecht, dein heiliges Volk, dein königliches Priestertum.“ Aber es gibt auch die Erwählung, die dann auch als solche erlebbar ist, durch Fügung oder durch eine besondere Erfahrung. Erinnern wir uns an die Begegnung des Äthiopiers mit Philippus, eher zufällig oder von Gott gewollt?! Philippus fragt: „Verstehst du, was du liest!“ Und jener antwortet: „Wie könnte ich es, wenn mich niemand anleitet!“ Als sie nun weiterzogen, kamen sie zu einer Wasserstelle. Da formuliert der Kämmerer seinen Wunsch, der in ihm gewachsen ist: „Hier ist Wasser. Was steht meiner Taufe noch im Weg?“
Zuspruch: „Du bist von Gott geliebt und gewollt und bejaht – von Geburt an.“ Zuspruch! Die Taufe unterstreicht diese unbegrenzte und ewige Liebe Gottes zeichenhaft: „Ich werde dich immer lieben!“ durch das Hingenommen-sein in das Leben und Sterben, den Tod und die Auferstehung Jesu Christi. Freilich: Gottes Liebe ist auch dann gegeben, wenn ein Mensch nicht zur Taufe bzw. zum Glauben erwählt ist. Viele Menschen erleben diese Liebe hoffentlich in den guten Erfahrungen mit Mensch und Welt und auch mit Gott.
Gnade: Die Taufe ist bedingungslos, und somit Gnade, ein Geschenk, unverdient. Es genügt grds. der Wunsch getauft zu werden, ohne den Anspruch eines vollständigen Glaubens oder einer Integration in die jeweilige Kirchengemeinde. Und was nach der Taufe geschieht? Das liegt nicht im Ermessen des Taufspenders und der Kirchengemeinde. Biblisch betrachtet, verliert sich oft der Weg nach der Begegnung mit Jesus. Der Leser erfährt vielfach nicht, wie der Glaubensweg zu einer geschenkten Erfahrung mit dem Geist Gottes ausschaut: mit Gottes überraschendem Plan, der oft weit weg und ziemlich jenseits der Kontrolle vor sich geht.
Liebe Schwestern und Brüder,
welche Aufgabe hat nun die Kirchengemeinde und vorne weg das Pastorale Personal gerade in der Taufpastoral? Anknüpfungspunkte und Räume schaffen, wo Erwählung, Zuspruch und Gnade ganz persönlich im christlichen erfahrbar und zur Entfaltung kommen dürfen. In der Pfarrei Bernhard Lichtenberg bildete sich eine Projektgruppe, die sich diesbezüglich auf den Weg macht. Amen.