"Er hat alles gut gemacht!"

Liebe Schwestern und Brüder,
1. Vor einigen Jahren habe ich zum letzten Mal den Wallfahrtsort Lourdes besucht und mit einer Pilgergruppe erlebt. Im sogenannte heiligen Bezirk spielt sich alles ab. Ich setze mich immer gerne an den Fluss Gave de Pau und erlebe die besondere Atmosphäre, die getragen ist von einer besonderen Ruhe und Gelassenheit. Beeindruckend sind für mich immer besondere Plätze: Menschen zünden ihre Kerzen an und beten. Jeder auf seine Weise, stehend oder kniend. Andere betrachten in der Gruppe oder alleine den Krankenkreuzweg. Von der Lourdesgrotte höre ich schöne Gesänge in englischer Sprache. Eine große Gruppe aus Irland feiert hier Gottesdienst. Menschen – liegend, stehend oder sitzend im Rollstuhl - warten sehr geduldig auf ihre Waschung. Ich höre die Sakramentsprozession, die sich in einem langen Zug über den heiligen Bezirk schlängelt. Viele, viele Rollstuhlfahrer, Alte und Junge, die von ehrenamtliche Helfern, Angehörige, Ordensschwestern begleitet werden. Gesänge tönen über den Platz - fröhliche Lob –und Dankgesänge; das gesungene Ave, Ave, Ave Maria mit erhobenen Kerzen am Abend. Es ist für mich einfach ein von Außen Betrachten, Verweilen, Bestaunen, was hier geschieht. Teilweise auch ein Nichtverstehen verbunden mit einer Sehnsucht, ebenso glauben und hoffen zu können.
2. In dieser Wallfahrtswoche kam mir folgender Gedanke. Der Taubstumme, der uns im heutigen Evangelium vorgestellt wird, konnte weder sprechen noch höre. Er war darauf angewiesen, seine Umgebung mit anderen Sinnen wahrzunehmen. Er beobachtet, sieht, spürt, fühlt, was um ihn herum und Jesus geschieht. Und das ist nicht wenig. Das ist unglaublich, welche Kraft von diesem Jesus ausgeht, und wie die Menschen von ihm angezogen und be-geistert sind und zum Glauben an ihn kommen. In Lourdes konnte ich mich ganz gut in diesen sensiblen Taubstummen hineinversetzen, in seinen besonderen Beobachterstatus.
3. Der Evangelist Markus macht uns heute deutlich, dass Jesus diesen Status aufbricht. Jesus ist grenzüberschreitend, indem er nicht nur in die heidnischen Gebiete geht und sich diesen Menschen aussetzt, sondern auch diesem Taubstummen eine persönliche, ganzheitliche Begegnung und Heilung ermöglicht: „Er nahm ihn beiseite, von der Menge weg“. Was dann geschieht, ist für unsere Ohren heute merkwürdig, unglaublich oder sogar eklig: „Er legte ihm die Finger in die Ohren und berührte dann die Zunge des Mannes mit Speichel.“ Und Jesus spricht den Taubstummen ganz persönlich an mit den Worten: „Effata, öffne dich.“ Was dann geschieht, wissen wir. Er konnte wieder richtig reden. Und die Menschen, die dabei sind, Staunen über dieses Wunder und sagen: „Er hat alles gut gemacht; er macht, dass die Tauben hören und die Stummen sprechen können.“
4. Was ist das eigentliche Wunder von Lourdes? Freilich, es sind die Muttergotteserscheinungen und die ganze Lebensgeschichte der Bernadette Soubirou. Es sind die vielen Krankenheilungen, die Menschen in Lourdes auf medizinisch unerklärbare Weise geschehen sind. Und vielleicht wäre der Taubstumme von damals heute auch dabei gewesen. Aber das eigentliche Wunder von Lourdes sind Orte der Begegnung und des Austausches, wo der Leib gepflegt wird, um die Seele zu berühren. Oder wo die Seele berührt wird, um den Leib zu heilen. Der Mensch ist ja Leib, Geist und Seele. Deswegen ereignen sich Wunder täglich – oft wenig spektakulär - und in vielerlei Weise: in Menschen, die hier in besonderer Weise Zuwendung und Hilfe erfahren; in Kranken, die Mut und Hoffnung schöpfen; in der Kraft, die Menschen einander weitergeben; im Umgang mit den großen und kleinen Verletzungen, die jeder in seinem Leben mitträgt. In einem Lächeln, im Schieben des Rollstuhles, im Empfand der Sakramente, in der Freude in den Augen eines Kranken, in einer Versöhnungsgeste.
5. Papst Benedikt hat einmal gesagt: „Wunder, die aus dem Innersten kommen, wenn die Gegenwart Christi die Isolierung durchbricht, der der Schmerz hervorruft.“
6. Ausgehend von meinen Erfahrungen in Lourdes – und am Ende der Ferienzeit – möchte ich uns zwei Impulse mitgeben:
a) Bewahren wir uns Kraftquellen und Zeiten, wo große oder kleine Wunder, wie in Lourdes geschehen können! Oder öffnen wir uns, halten wir zumindest Ausschau danach, von Jesus, unserem Heiland, ganzheitlich berührt und begleitet zu werden.
b) Bewahren wir uns unser von Gott geschenktes Menschsein, grenzüberschreitend solidarisch zu sein, Hilfe zu geben und Hilfe anzunehmen, Mut zu schenken und sich ermutigen zu lassen, zu danken und Dank anzunehmen, verzeihen und Verzeihung zu schenken, im Glauben zu stärken und sich im Glauben stärken lassen.
Dann können wir einstimmen, so wie die Menschen im heutigen Evangelium: „Er hat alles gut gemacht; er macht dass die Tauben hören und die Stummen sprechen.“ Amen.