Die Baustelle des Lebens

Als Kind war ich sehr gerne auf Baustellen. Es gab unheimlich viel zu sehen: Da gab es den Kran, der schwere Lasten transportierte, den Maurermeister, der Stein auf Stein aneinander fügte, den Architekten mit seinen groß ausgebreiteten Plänen. Da wurde gehämmert und gebohrt, gedämmt und gemalt. Je länger ich den Leuten zuschaute, desto mehr kam ins Träumen, aber auch ins Nachdenken.
Jahrzehnte später denke ich: Unser Leben gleicht einer Baustelle. Und wir stehen täglich neu auf dieser Baustelle namens „Leben“: in Arbeitskleidung oder in einem schönen Anzug. Manchmal geht es sichtbar vorwärts, dann gibt es wieder völligen Stillstand, und man fragt nach dem Sinn des Ganzen!
Es gibt völlig chaotische Tage zum Verzweifeln, und dann wieder Zeiten, da geht alles wie von selbst von der Hand. Wir sehen auf unsere ganz persönliche Baustelle und stellen nüchtern fest: Vieles ist (noch) nicht fertig. Das ist die Erkenntnis des Tages oder auch am Ende eines Lebens. Hier und da muss korrigiert oder nachgebessert werden.
Bei einem Trauergespräch erzählen die Angehörigen: Die Eltern bauten sich ein Eigenheim. Ihre kleine Familie fand dort Heimat, eine Beheimatung. Viel Liebe und Vertrauen war im Elternhaus zu spüren. Aber der Weg dorthin war nicht leicht; er war lang, beschwerlich und mit vielen Hürden verbunden: Flucht und Vertreibung, berufliche Neuorientierung und Familienzusammenführung. Am Schluss des Gespräches sagten die Angehörigen: Unsere Eltern waren sehr zufrieden und dankbar mit ihrem Leben.
Was hat diesen Menschen die Kraft gegeben, auf der Baustelle ihres Lebens bestehen zu können, gar manches auszuhalten und durchzutragen? Der Apostel Paulus sagte einmal: „Einen anderen Grund kann niemand legen als den, der gelegt ist, Jesus Christus.“ (1 Kor 3,11). Sozusagen, was kann schon passieren - mit IHM als das Fundament meines Lebens?
Es ist ein Boden, der Kraft und Mut schenkt, etwas zu wagen.
Es ist ein Boden, der auffängt, wenn ich falle.
Es ein Boden, auf dem ich mich ausruhen kann, wenn alles sinnlos erscheint.
Es ist ein Boden, der standhält, wenn meine Kräfte schwinden.
Die Baustelle des Lebens ist dabei keine „One-Man-Show“, sondern sie ist oft nur gemeinsam zu bewerkstelligen, sozusagen: „Ich bin, was ich bin, aufgrund dessen, was wir gemeinsam sind.“ Ich wünsche uns diese beglückenden Erfahrungen immer wieder – auf den Baustellen unseres täglichen Lebens. Wenn dann am Ende der Bau abgenommen wird, dürfen wir auf einen gnädigen Gott vertrauen, der diesem in seiner Barmherzigkeit den letzten Schliff gibt und uns liebend in seine Arme nimmt.