Dialogpredigt zum Kirchweihjubiläum


Hans-Jürgen: Liebe Gottesdienstgemeinde,
wir alle sehnen uns nach Sicherheit, nach einen gewissen Wohlstand, nach Verlässlichkeit. Alles was unser Lebensordnungen stört wird als unangenehm empfunden. Oft habe ich das Gefühl, dass sich bei Vielen Zufriedenheit im Leben dann zeigt, wenn irgendwie alles so bleibt, wie es ist. Jede Veränderung wird störend empfunden. Natürlich gibt es hier Ausnahmen. Wenn wir für uns Vorteile sehen, dann fällt es uns leichter Neues anzunehmen. Wenn ein möglicher Verlust und Einschränkungen damit verbunden sind, fällt es uns besonders schwer, damit umzugehen, dies anzunehmen.
Stefan: Wenn wir auf den Mann im heutigen Evangelium blicken, der Jesus fragt, was er tun müsse, um das ewige Leben zu gewinnen und die Antwort Jesu dazu hören, dann können wir gut nachvollziehen, wie es diesem Menschen geht, der auf seinen ganzen Besitz verzichten soll. Vergessen wir dabei die Ausgangsfrage nicht: „Was muss ich tun, um das ewige Leben zu gewinnen?“ Man könnte auch sagen, Was muss ich tun, damit mir mein Leben gelingt?“
Interessant finde ich den Satz, „weil er ihn liebte, sagte er, verkaufe alles was du hast“. Einem anderen Menschen hätte er vielleicht etwas Anderes mit auf den Weg gegeben: sei geduldig, übe Barmherzigkeit, habe Vertrauen. Weil Jesus ihn liebt, weil er weiss, was ihn weiterführt zum Leben bzw. ihn am wahren Leben hindert, mutet Jesus ihm genau das zu. Verkaufe, lass los, fang neu an!
Hans-Jürgen: Also muss ja auch ein Mehrwert darin stecken, Altes hinter sich zu lassen um Neuem eine Chance zu geben. Stefan und ich haben uns überlegt, dass es doch gut passt, ihnen und euch ein wenig zu beschreiben, wie es uns ging, als er nach Hof und ich nach Hollfeld wechselte. Da stand ja auch ein Neuanfang an, musste Gewohntes aufgegeben werden, Vieles zurückgelassen werden, was einem wertvoll war, wofür das Herz schlug.
Stefan: Ein Telefonanruf Ende April 2021: „Hof wartet auf Dich.“ „Gibt es eine Alternative?“ „Nein, der Erzbischof möchte, dass Du nach Hof gehst?“ Die Christusnachfolge, das Versprechen zum Gehorsam (kommt vom „Hinhören“), wird bei jedem Stellenwechsel auf die Probe gestellt: Loslassenmüssen von Vertrautem (einschl. Beziehungen), die Freigebigkeit zurückzulassen (Bücher, Möbel), ausgestattet/gestärkt mit schönen oder anstrengenden Erfahrungen.
Nach und nach entwickelte sich in mir eine freudige Erwartung auf das nächste große Projekt „Hofer Land“ verbunden in einen neuen und fremden Lebens- und Gemeindekontext einzutauchen; es war Neugier und Interesse zugleich gefüllt mit viel Energie, aber auch Angst vor dem, was noch im Ungewissen ist, Respekt gegenüber dem, was ich in den Kirchengemeinden an Lebendigkeit vorfinde. Inmitten der Coronapandamie und den schon laufenden Umstrukturierungsprozessen im Erzbistum Bamberg haben wir uns dann nach und nach kennengelernt, abgetastet, angefreundet.
Hans- Jürgen: Am 1. September 21 war das Umzugsauto da, alles wurde eingepackt, uns in Hollfeld wieder ausgepackt. Neue unbekannte Menschen kamen auf mich zu, plötzlich war ich Landpfarrer, jetzt als leitender Pfarrer für 15 Kirchengemeinden zuständig. Natürlich kannte ich die meisten Ortschaften schon vom durchfahren, war es ja näher an meiner Heimat und doch ist es noch einmal ganz anders, die inneren Strukturen kennenzulernen, die Besonderheiten die jede Kirchengemeinden hat, mit ihren eigene Machtstrukturen, ihren eigene Traditionen und Ordnungen. Dazu war klar dass der Kaplan abgezogen wird, Gottesdienste mussten radikal zusammengestrichen werden, damit macht man sich keine Freunde. Dazu ist der Neue ja irgendwie ganz anders, tickt anders, eine große Umstellung für alle. In einer Kirchenverwaltung gab es 4 Rücktritte, weil der Neue nicht das macht, was wir wollen, da wird schon geredet, hinter dem Rücken des Pfarrers. Viele solche Herausforderungen warteten auf Lösungen, es bleibt nichts, da muss man durch. Aber natürlich, und das ist es ja was einem Kraft gibt, gab es auch viele gute Erfahrungen, viele Menschen die sich engagieren, vieles was gut läuft, wo auch Aufbrüche spürbar waren. Das war natürlich ganz wichtig, daran konnte man sich festhalten und das waren Kraftquellen. Man muss halt durch und das Beste daraus machen, es bleibt keine Wahl.
Stefan: Aussitzen? Aus dem Weg gehen? Resignieren? Untertauchen? Das ist keine Alternative. „Du wirst einen Schatz im Himmel haben.“ Was ist ein Schatz ... hier auf Erden? mein Haus, mein Auto, meine Familie, meine Freunde? Jesus sagt aber: „Du wirst einen Schatz im Himmel haben“... im Himmel! Das stellt Jesus dem reichen Mann in Aussicht beim Verkauf seines Besitzes. Da geht es um etwas Unsichtbares, Geistliches, Himmlisches, Ewiges, woran ich mein Herz hänge? Was ist sein Hemmschuh, sich darauf einzulassen, sich loszulösen und loszugehen? Kann er an diesen wahren Schatz glauben, der ihn in eine größere Freiheit führen könnte, aber den er zunächst nicht sieht? Versteht der Mann überhaupt, was Jesus ihm in Aussicht stellt? Oder reden beide aneinander vorbei! Mit dem Schatz ist wohl das Himmelreich, das Reich Gottes gemeint, zu dem der Mann gehören soll und an dem der Mann mit bauen darf: das Reich des Friedens, der Liebe, der Heiligkeit, der Gerechtigkeit, der Wahrheit, des Lebens, etc. Die Frage ist ja immer: „Wem diene ich und ist es die Sache am Ende wirklich wert! Was macht der reiche Mann? Der Mann geht traurig weg. Er ergreift zunächst nicht die Chance, der Einladung Jesu zu folgen, sich weiterzuentwickeln, sich weiterzuentfalten, in die Tiefe und Weite des Lebens und Glaubens zu gehen. Was bleibt? (...) Jesus würde es ihm zutrauen.
Hans-Jürgen: Wir wissen nicht was dieser Mann im Evangelium tat, erst einmal schaut es so aus, als wäre er nicht bereit. Vielleicht braucht er noch Zeit!
Stefan: Und doch stecken natürlich auch immer Chancen in Neuanfängen. Die Kirche musste in den 2000 Jahren immer wieder – etwa nach Durststrecken und Wüstenzeiten - neu aufbrechen und sich auf die jeweilige Zeit einlassen immer auch verbunden mit einer geistlichen Erneuerung. In unserem Pastoralkonzept steht: „Die Kirche ist eine immer zu Erneuernde!“ Dazu braucht es Menschen, Frauen und Männer, Kinder, Jugendliche, Familien, Senioren, die als Hörende sich in den Dienst nehmen lassen für die Botschaft Jesu Christi. Die Heiligen haben es uns vorgemacht, Vorbilder im Glauben, jede und jeder auf seine Weise. Denken wir an unsere Pfarrpatrone, den heiligen Bruder Konrad und den Sel. Bernhard Lichtenberg.
Hans-Jürgen: Wenn wir auf unsere Gesellschaft und auch auf uns als Kirche schauen, wissen wir, es stehen große Veränderungen an, zu lange hat man einfach weitergemacht wie gewohnt. Ob in der Politik, in der Wirtschaft als auch in der Kirche -mit fatalen Folgen.
Stefan: Wer betriebsblind an Gewohntem festhält, wer nicht bereit ist Veränderungen zuzulassen, der begibt sich auf den Holzweg, denken wir z.B. an große Unternehmen wie VW oder viele andere, oder unser Umgang mit der Natur, den Emissionen, die das Klima zerstören, unsere Wegwerfgesellschaft, der Raubbau unserer Schöpfung - irgendwann kommt das böse Erwachen.
Hans-Jürgen: Auch in vielen Beziehungen ist das so. Wer immer nur davon ausgeht, dass die Liebe ein Selbstläufer ist, man nichts in seine Beziehung investieren muss, der steht allzu oft plötzlich und unerwartet alleine da. Wenn Kirchengemeinden sich selbst genug sind, man an Traditionen festhält, ohne sich den neuen Realitäten zu stellen, wird die Kirchengemeinde keine Zukunft haben.
Stefan: Wenn Jesus den Mann auffordert neue Wege zu gehen, alten Ballast hinter sich zu lassen, fordert er auch uns auf, uns von ihm hinterfragen zu lassen und ggf. neue Wege zu gehen, den Glauben froh zu feiern, ihn hoffnungsvoll zu leben und vertrauensvoll weiterzugeben – und du wirst einen Schatz im Himmel haben;
Hans-Jürgen: Weil Jesus uns liebt, weil wir ihm nicht egal sind, fordert er uns heraus, nach vorne zu schauen, die Zukunft zu gestalten. Wir sollen offen sein für den Weg, den er mit uns gehen will. Leben bedeutet immer Veränderung und Entwicklung, Stillstand bedeutet Tod. Nicht scheinbare Reichtümer, nicht Vermögen, nicht alte Ordnungen helfen die Zukunft positiv zu verändern, sondern offen zu sein für ihn und das Neue, das um sich greifen will.
Stefan: Da ist die Kirche St. Konrad, die uns mit den herrlichen, bunten Glasfenstern Mut macht und Hoffnung schenkt- ausgerichtet im Altarraum auf das himmlische Jerusalem: Gott ist da. Gott ist Licht. Licht das Wände durchdringt. Er kann auch unsere Wände durchdringen, die Schranken unseres Verstandes, unsere inneren und äußeren Zwänge, die uns manchmal hindern zu handeln oder das Richtige zu tun. ER ist das Licht, das den Menschen erleuchtet – gerade in den Umbrüchen und Neuaufbrüchen unserer Zeit und unseres Lebens. Daraus haben unsere Vorfahren Mut, Hoffnung und Kraft geschöpft.
Hans Jürgen: Wenn wir heute unseren Jubiläumsgottesdienst in St. Konrad feiern, darf man natürlich auch zurückschauen, auf die vielen guten Erfahrungen, Zeiten die aber auch immer schon Brüche und Veränderungen mit sich brachten und die auch gemeistert werden konnten. Die Jahrzehnte in denen die Jesuiten hier segensreich wirkten, unterschiedliche Pfarrer und Kapläne, dann der Rückzug des Ordens, ein Weltpriester übernahm die Kirchengemeinden, ein großer Einschnitt. Dann die Fusion zur Pfarrei Bernhard Lichtenberg, dann der neues Seelsorgebereich Hofer Land, der Wechsel des leitenden Pfarrers, Veränderungen im pastoralen Team und vieles mehr.
Stefan: Freuen wir uns also, in diesem Neuen in Freiheit und Verantwortung Kirche mit den je eigenen Charismen und Fähigkeiten zu gestalten und lebendig zu bleiben. Vertrauen wir darauf dass Gott uns auch in Veränderungen und Umbrüchen führt, er nur wirken kann, wenn wir uns öffnen für das Leben und die Zukunft – dem Himmel entgegen, darauf ist ja unsere Kirche ausgerichtet. Dann kann Leben gelingen, im privaten, in unserer Gesellschaft, in unserer Pfarrei Bernhard Lichtenberg, in unserem Seelsorgebereich Hofer Land. Amen