„Der Zweifel ist fester Bestandteil des Glaubens“ zu Joh 20,27-28

Jesus und Thomas: Dann sagte er zu Thomas: "Streck deinen Finger aus – hier sind meine Hände! Streck deine Hand aus und leg sie in meine Seite und sei nicht ungläubig, sondern gläubig! Thomas antwortete ihm: Mein Herr und mein Gott!"
Wir befinden uns mitten in der Fastenzeit und bereiten uns auf das Osterfest 2024 vor. Die Kartage rund um das Osterfest fordern uns als Christen ganz besonders heraus. Eine Zeit der Zweifel und der Fragen, aber auch des Erkennens, auch bei Jesus selbst.
„Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen?“ schreit Jesus am Kreuz zu Gott. - Tiefster Zweifel, - denn auch Jesus ist Mensch. Und doch siegt am Ende das Vertrauen: „Vater, in deine Hände lege ich meinen Geist.“
Wie hätten wir in dieser Zeit damals dagestanden, ohne das Wissen des dritten Tages?
Oder sollten wir ganz anders fragen? Kann es Glauben oder besser gesagt Vertrauen ohne das Pendant des Zweifels überhaupt geben? Jesus spricht immer vom Weg zu Gott. Und dieser Weg kann nur sinnvoll sein, wenn das Mühen um den Glauben nach und nach die Zweifel besiegt und das Vertrauen auf diesem Weg mehr gefestigt und damit wertvoll wird. Jesus teilt mit seinem Zweifel am Kreuz unseren Zweifel und versteckt sich nicht hinter ihm.
Jede Entscheidung, jeder Weg trägt den Zweifel zwangsläufig in sich. Zweifeln heißt nachfragen, heißt um Antworten ringen, heißt nicht mit der Masse mitzulaufen, heißt bemühen um den richtigen Weg.
Der "ungläubige" Thomas! Geradezu sprichwörtlich ist er geworden! Abqualifiziert als einer, der es immer noch nicht verstanden hat, was die anderen längst erkannt haben. Als fortwährender Zweifler steht er da, der sich einfach nicht überzeugen lassen will, der sich abgrenzen will, für seine Sonderrolle.
Dabei möchte er doch nur vertrauen können, so gerne glauben können. Würde er sonst so intensiv suchen und fragen? Und wie viele suchen mit ihm. Hin- und hergerissen ist Thomas zwischen dieser Sehnsucht nach Heil-Sein und der Sehnsucht nach Echtheit und Wahrhaftigkeit.
Thomas zeigt uns durch seinen Weg: Neuanfang gibt es nicht an den alten Wunden vorbei. Vergebung fegt nicht einfach unter den Teppich was wir einander angetan haben, im Gegenteil: Sie braucht den Blick auf das, was gewesen ist. Wir können frei, hoffnungsvoll und zuversichtlich leben mit dem was war! Doch dazu ist es manchmal nötig, den Finger - noch einmal - in die Wunde zu legen, die alten Schmerzen vielleicht noch einmal wachzurufen, Tränen und Trauer nachzuholen, damit die alten Verletzungen heilen können!
Das Wunder von Ostern ist, dass mit dieser Berührung nicht alles zusammenbricht, sondern, dass es gerade weitergeht, wenn ich mich nicht mehr verstecken muss, endlich zugeben kann, was mich so lange gequält hat. Das sind Erfahrungen, die nicht verfügbar sind, nicht planbar sind.
Thomas erkennt: 'Mein Herr und mein Gott.“ Er verkörpert mit seinem Zweifeln den Mut zur Unsicherheit und zum Fragen – den Mut zum Leben! - Den Mut, Fragen nicht sofort zuzuschütten mit vorschnellen Antworten, sondern ihnen standzuhalten und zu warten. Den Weg zu gehen.
Diesen Mut wünsche ich Ihnen von Herzen, besonders in dieser Zeit, die Fragen doch so dringend nötig hat.
Sebastian König, Pastoralreferent
Kath. Seelsorgebereich Hofer Land
(aus: Frankenpost 01.03.2024)