Der Sturm auf dem Meer

— ein Bild für unser Leben. Manchmal fließt es ruhig dahin. Dann aber, plötzlich und unerwartet, kommt der Sturm aus der Tiefe des eigenen Innern herauf. Verdrängte Ängste wollen ans Licht. Was vergraben wir nicht alles in unseren eigenen Abgründen, weil wir im Augenblick nicht damit leben können: Enttäuschungen mit anderen Menschen oder mit uns selbst und unseren Plänen, Verletzungen durch andere, Lebenshoffnungen, die sich nicht erfüllen, Sehnsucht nach Liebe und Geborgenheit, der eigene Schatten. Das alles ist nicht weg oder tot, wenn wir es in uns begraben haben, es drängt ans Licht, manchmal wie in Eruptionen eines Vulkans. Der See wird stürmisch, auf dem wir unser Lebensboot über Wasser halten wollen. Die Wogen drohen uns zu verschlingen. Aber der Sturm kann auch von oben kommen, von außen, von Krankheiten und Unfällen, von Schicksalsschlägen, von Arbeitslosigkeit oder Krieg. Dann gerät alles durcheinander. Die Angst vor der Zukunft bricht auf, die Angst, nicht fertig zu werden mit dem, was da plötzlich auftaucht, Angst zu scheitern. Der Sturm von innen heraus und der Sturm von außen: oft hängt beides zusammen. Der Sturm von außen zeigt uns, auf wie unsicherem Boden unser Leben steht. Er löst alle Sicherungen, so dass wir das unerlöste Leben in uns nicht mehr verdrängen können. Die Angst lähmt uns, wir fühlen uns ausgeliefert. Es geht um unser Leben, zunächst einfach um das Überleben in diesem Augenblick. Es ist wie bei dem Sturm auf dem Meer (Mk 4,35). Die Jünger können nichts mehr tun. Sie haben nur Angst. Aller Sachverstand hilft nicht weiter. Man könnte versucht sein, diese Situationen zu vermeiden, indem man das Boot im Hafen fest macht. Aber dann kann es seine Funktion als Boot nicht erfüllen. Manche versuchen das in ihrem Leben: Risiken vermeiden, sich nicht hervortrauen, damit man nicht auffällt; möglichst unauffällig irgendwo mitschwimmen - beim Gerede auf der Straße, im Betrieb, Wegblicken, Weghören, wenn Ausländer beschimpft werden, wenn jemanden Unrecht geschieht. Das kann vielleicht für eine Zeitlang gelingen. Aber dann passiert auch nichts in unserem Leben. Wir leben nicht selbst, wir lassen uns leben. Wir verlieren uns selbst, bis das ungelebte Leben in uns wieder ans Licht will. Dann kann ein Sturm auch die Chance sein, unser Leben wieder zu finden und neu in die eigenen Hände zu nehmen. Mitten im Sturm, mitten im umhergewirbelten Boot schläft Jesus. Ärgerlich für die Jünger! Sieht er denn nicht ihre Not? Das Bild des schlafenden Jesus zeigt deutlicher als alles, dass er ohne Angst ist. Deswegen kann er auch etwas tun und die Wogen besänftigen. Wie oft scheint Jesus in unserem Lebensboot zu schlafen! Wo ist er? Wo ist Gott? Wo bleibt er? Hat er denn kein Mitgefühl mit unserer Not und Hilflosigkeit? Diese Fragen können sich verdichten: Gibt es ihn überhaupt? Was soll ein Gott, der sich nicht um uns kümmert! Wir können den Lebenssturm nicht vermeiden. Aber es geht darum, wie wir mit der Angst umgehen.
Jesus sagt zu den Jüngern: Ihr Kleingläubigen. Ich bin doch da. Glauben ist das Vertrauen auf seine Nähe, auch wenn wir sie nicht spüren. Dieses Vertrauen weckt die Kraft, sich der Angst zu stellen und sich hinauszuwagen auf das Meer unseres Lebens.