Das Runde muss ins Eckige

1) „Das Runde muss uns Eckige.“ Die Weltmeisterschaft hat begonnen. Immer wieder in den Schlagzeilen – seit Monaten: Welches Team stellt Bundestrainer Nagelsmann zusammen? Nach welchen Kriterien sucht er die Spieler aus und formt sie zu einer Mannschaft, zu einem Team? Wir werden es sicher wieder erleben: Es wird viele Co-Trainer in Deutschland geben, die es immer besser wissen oder alles so oder so vorausgesehen haben.
2) Jede Weltmeisterschaft weckt Erinnerungen. WM 1994 Bundestrainer: Berti Vogts. Die Mannschaft ist noch voller Euphorie, strotzt vor Selbstbewusstsein: „Wir sind doch die Weltmeister v. 1990.“ Berti Vogts hatte ein ganz konkretes Bild von einer Mannschaft. Ein „Wir“ sollte auf dem Platz stehen, 11 Freunde sozusagen, die ein gemeinsames Ziel verfolgen sollten. Aus dem wurde nichts. Einzelkämpfer, sog. Ich-AGs, standen auf dem Platz, die weder die Haltung, noch die Vision des Bundestrainers miteinander teilen wollten und konnten. Um die Mannschaft selbst entstanden viele Nebenschauplätze, die ihre bitteren Auswüchse zeigten: eine menschenunwürdige Boulevardpresse, eine verletzende Illoyalität, eine mangelhaften Integrationsfähigkeit und -willigkeit. Schluss endlich forderte man den Weggang Vogts: „Berti geh, geh einfach…!“, denn die Mannschaft selbst konnte man ja nicht austauschen.
3) Heute werden die 12 Apostel im Evangelium aufgezählt, Jünger, die Jesus um sich scharte und nach und nach in seine Nachfolge rief. Eine bunte Truppe von Männern also, zum Teil Brüderpaare, die nicht unterschiedlicher sein konnte– auch politische – Ziele verfolgte, was das Bild eines Messias angeht und dieser selbst ausrichten sollte. Ich frage mich manchmal: Was wollte Jesus mit diesen Leuten anfangen, denn zu seinen Lebzeiten waren sie nicht sehr erfolgreich; sie kreisen vielmehr um sich selbst. Spätestens nach der dritten Leidensankündigung scheint vor allem ihre wichtigste Sorge zu sein, wer von ihnen im Himmelreich „Präsident und Kanzler“ werden darf. Die Jünger möchten offensichtlich eine Karriere nach oben machen, während Jesus nur eine Karriere nach unten zu bieten hat. Sie verstehen ihn nicht!
4) Versagen über Versagen, so dass sie im wahrsten Sinne des Wortes mit dazu beitragen, Jesus aufs Kreuz zu legen: Petrus verleugnet Jesus dreimal, zuvor schläft er ein, so dass Jesus, ihr Herr und Meister, die Nacht vor seinem Tod allein durchwachen muss. Judas liefert Jesus aus. Im Garten küsst er Jesus und dieser entgegnete ihm: „Freund dazu bist du bekommen.“ Jesus hat seine Jünger gerufen, herausgerufen, sie tiefer geführt zum Leben in Fülle, hat mit ihnen den Alltag geteilt, sie unterrichtet, mit Vollmacht ausgestattet und in seinem Namen ausgesandt, das Reich Gottes zu verkünden und zu heilen. Er nennt sie sogar Freunde, „wenn ihr tut, was ich euch auftrage!“ Doch sie erwidern nur bedingt auf seinen Liebesdienst, sie verstehen ihn nur unzureichend. Judas bereut sein Tat, bevor er sich das Leben nimmt; letztlich kann er auch nicht so recht an die Barmherzigkeit Gottes glauben.
5) „Keine Liebe ohne Schuld“, so hat es einmal Rainer Maria Rilke in einem Gedicht umschrieben. Sich lieben heisst offensichtlich, aneinander schuldig werden, weil man Grenzen des anderen unweigerlich berührt, fordert und beengt. Es gilt auch für uns heute und es kann sehr beschäftigen und sogar schmerzen. Es macht uns aber auch bewusst, was uns der andere Wert ist und wie wichtig das Gefühl der Reue ist. Das lässt sich auch auf unsere Gottesbeziehung übertragen. Die Apostel in ihrer menschlichen Schwachheit entlasten uns, dass wir in all unserem Scheitern nicht verzagen und verzweifeln.
6) Wie haben die Jünger nach der Auferstehung Jesu auf diese Zeit mit Jesus zurückgeschaut. Was hat die Apostel dann wirklich zu einem Team geformt? Zum einen der Friede, der den Jüngern von Jesus zugesprochen wurde: „Der Friede sei mit euch.“ Kein Nachkarteln, kein Nachtragen, keine Vorhaltungen. Was hat die Apostel dann wirklich zu einer Mannschaft formen lässt, ausgerichtet auf ein Ziel, die Botschaft vom gekreuzigten und auferstandenen Herrn in alle Welt zu tragen: Der Heilige Geist, die gemeinschaftsstiftende Quelle, aus der die Apostel schöpfen und missionarisch das Erbe Jesu weitertragen – in Tat und Wort.
7) Es gibt eine Doku zur WM 1994 „die Helden“, …in vier Teile in der ARD Mediathek zu sehen: „der Trainer“, „die Mannschaft“, „der Skandal“, „die Würde“. Berti Vogts und seine damalige Mannschaft schauen heute zurück, Männer, die mittlerweile zu reifen Persönlichkeiten geworden sind, denen Vieles im Nachhinein sehr leid tut, die darüber erstaunt, erschrocken oder sogar amüsiert sind, welche Kindsköpfe oder Zumutung sie zum Teil waren. Und Berti Vogts: ein Mann, der sich, seinen Werten und seiner Haltung als Mensch und Trainer, und vor allem seiner Vision von einer Mannschaft bis zum Schluss treu geblieben ist, wie das Runde am besten ins Eckige kommt. Wie das Leben so spielt: 1996 hat es dann geklappt. Golden Goal von Oliver Bierhoff: Wir waren Europameister!