Bleib so, wie du bist!

Bleib so, wie du bist!
Einen solchen Wunsch kennen wir.
Und wir haben ihn schon gar manches Mal gehört.
Bleib so, wie du bist!
Wir dürfen uns darüber freuen,
denn jemand hat etwas in uns etwas entdeckt,
was er schätzt und lieb gewonnen hat.
Aber entspricht dieser Wunsch auch einer Realität?
Bleib so, wie du bist! Auf Jesus (und auch seine Jünger) trifft das schon mal nicht zu. Zum Glück!
Denn: Zunächst wird die kanaanäische Frau ausgegrenzt.
„Hab Erbarmen mit mir, Herr, du Sohn Davids!“ Ein Hohheitstitel - erinnern wir uns an den blinden Bartimäus.
Sie bekommt erst einmal keine Antwort – aufgrund ihrer Herkunft. Mehr noch:
Die Frau wird stehen und alleine gelassen mit ihrer Sorge um die kranke Tochter. Wir würden das heute „gruppenbezogene Diskriminierung“ nennen.
Freilich ist klar: Jesus agiert nach damaligen jüdischen Maßstäben erwartbar und auch normal. Dabei wählt Jesus einen drastischen Vergleich mit den Hunden. Das ist erniedrigend; das ist empörend; das geht eigentlich gar nicht. Aber, er wusste sich zu den Kindern Israels gesandt, nicht zu allen Völker. Das kommt erst am Schluss des Evangeliums: „Geht zu allen Völkern und tauft sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.“
Was ist in dieser Zeitspanne passiert?
Im Laufe der Perikope öffnet sich Jesus dieser Frau, er stellt sich der Diskussion, denn die Frau tut wirklich alles, ihrer Tochter zu helfen. Sie ist raffiniert und schlagfertig genug, Jesus Kontra zu geben: „Ja, du hast recht, Herr! Aber selbst die Hunde bekommen von den Brotresten die vom Tisch ihrer Herren fallen.“ Als die Frau Jesus das herabgesetzte Bild von den Hunden spiegelt, verändert sich etwas in Jesus. Die Perikope bekommt eine neue Ausrichtung! Sie bricht mit ihrem ungebrochenen Glauben an ihn seine Reserve auf. Ihre Weite knackt seine Enge und Engstirnigkeit!
Liebe Schwestern und Brüder,
Jesus ein Lernender. Lernwillig und lernfähig, würde man heute sagen, einer der sich weiterentwickelt, ein Schüler, eine Jünger! Im Priesterseminar war das immer ein Kriterium, lernwillig und lernwillig zu sein. In Jesu Menschlichkeit zeigt sich wie Gott ist. Jesu Menschlichkeit macht Gott nahbar in seinem Erbarmen und seiner Barmherzigkeit. Dass Jesus Mensch war, heisst auch: Er wurde religiös sozialisiert. Seine Persönlichkeit reifte. Sein Selbstverständnis und Sendungsbewußtsein entwickelten sich. Warum sollte man das Jesus nicht zugestehen? Der Evangelist Matthäus verschweigt diese Entwicklung ganz und gar nicht! Er konfrontiert uns heute damit, diese Entwicklung Jesu darzustellen: „Frau dein Glaube ist groß. Was du willst, soll geschehen.“
Liebe Schwestern und Brüder,
manche Bischöfe sagen von sich, sie hätten eine Lernkurve in Sache strukturelle Diskriminierung und Gewalt in der Kirche erlebt. Da hat man nicht schlecht gestaunt, diese Worte zu hören. Entwicklungsschritte in Kirche und Lehramt hat es immer gegeben. Auch in religiösen und spirituellen Fragen sollte es kein Problem sein, zu lernen und die Perspektiven zu weiten – das betrifft jeden von uns. Wenn wir auf unser Leben zurückschauen, dann werden wir sogar zustimmen: "Wie kleinkariert war ich da!" "Wie kurzsichtig habe ich das gesehen!" "Warum habe ich mich da so fest gebissen!" Als Pfarrer bin ich ebenso in all den Hofer Jahren ein Lernender gewesen und geblieben. Wir dürfen, ja wir müssen sogar, alte Überzeugungen und gewohntes Verhalten reflektieren und korrigieren - als Einzelne und als Kirche. Und manchmal müssen wir uns eingestehen, dass das Bisherige und Übliche den Ansprüchen und Herausforderungen unserer Zeit in unserer Welt nicht mehr gerecht werden.
Bleib so, wie du bist!
Jesu Beispiel ist ein lebensnahes Korrektiv, einen Lernweg zu erlauben, ohne Sorge, dadurch unglaubwürdig zu werden. Ich halte das für ein Zeichen der Stärke, lernbereit, lernwillig und lernfähig zu sein und althergebrachte Gewohnheiten und Strukturen kritisch zu hinterfragen. Und wir sollten es auch anderen Menschen zugestehen, lernwillig, lernfähig und lernbereit zu sein. Dazu helfen Menschen wie die kanaanäische Frau, die hartnäckig widersprechen, wo immer kirchliche Enge Gottes Heilswillen Grenzen setzt. Denn Gottes Maß führt immer in ein Mehr an Weite und Tiefe – auch was mein Bild von Jesus Christus betrifft: "Wahrer Gott und wahrer Mensch."