Berührt

Liebe Schwestern und Brüder, liebe Kinder und Jugendliche!
Gehen Sie / geht Ihr gerne ins Krankenhaus? Erinnern Sie sich: Mit die-ser Frage habe ich am vergangenen Sonntag begonnen. Wenn es nicht sein muss, dann gehe ich nicht hin – und wenn ja, dann komme ich lieber als Besucher und nicht als Patient. Gehen Sie gerne ins Krankenhaus? Manchmal schreckt mich schon die Atmosphäre ab.
Im heutigen Evangelium macht sich Jesus auf in ein „Krankenhaus“. Wie ein Arzt macht Jesus einen „Hausbesuch“, weil Jaïrus ihn anfleht und dazu drängt und um das Leben seiner Tochter fürchtet. Jaïrus setzt alle Hoffnung darauf, dass Jesus ihr Leben retten kann. Jesus lässt sich da-von berühren. Der Weg und die Zeit den Weg zu bewältigen, dauert länger, obwohl die Zeit drängt. Jesus muss durch eine Menschenmenge hindurchdrängen. Mitten in dieser Menge ist und lebt eine Frau, die niemanden hat, der sich für sie einsetzt, obwohl das auch für sie drin-gend not-wendig wäre angesichts der jahrelangen erfolglosen Suche nach Heil und Heilung. Wegen ihrer Krankheit gilt die Frau als unrein. Sie darf niemanden berühren – und einen Mann und Jesus schon gar nicht. Aber dennoch: Alle Hoffnung setzt sie darauf, wenigstens das Gewand Jesu zu berühren. Sie traut sich. Sie berührt das Gewand. Sie spürt die Kraft. Sofort ist sie geheilt. Inmitten des Menschengedränges spürt auch Jesus etwas: dass eine Kraft von ihm ausgeht. Vor Angst zit-ternd sagt die Frau Jesus die ganze Wahrheit. Er macht ihr keinen Vor-wurf – im Gegenteil: „Dein Glaube hat dich gerettet“ (Mk 5,34). Heilsa-mer Glaube ist eine spürbare Kraft. Spürbar im Heilwerden und in der Heilung der Frau und spürbar für Jesus. Von IHM geht Kraft und Leben aus.
Was tun, wenn alle Hoffnung auf die scheinbar unbegrenzten Möglichkei-ten der Medizin an ihre Grenzen kommt? Was hilft, wenn niemand mehr helfen kann? Die endlose Krankheitsgeschichte der Frau erinnert an Er-fahrungen, die viele Menschen auch heute machen: Moderne Kranken-häuser bieten vielfältige Behandlungsmöglichkeiten. Aus Menschen wer-den Patienten; sie holen Zweit- oder Drittmeinungen ein; sie suchen nach alternativen Heilungsmethoden. Die Krankheit bemächtigt sich oft des ganzen Lebens; alles dreht sich um dieses Un-Heil-Sein und die damit einhergehenden Fragen: Sollen Heilungsversuche um jeden Preis in Kauf genommen werden, selbst wenn dadurch die Grenzen des Lebens „nur“ verschoben werden, aber keine dauerhafte Heilung möglich ist? Werden Nebenwirkungen von Therapien und Lebensqualität gegeneinander ab-gewogen? Gerade in solchen Situationen kommt es darauf an, Kraft zu spüren und Kraft zu haben.
Mein persönlicher Glaube kann eine solche Kraft sein. Glaube schafft ei-ne heilsame Beziehung, die ganz wenig braucht. Jesus tut gar nichts. Je-sus merkt erst im Geschehen, quasi im Vorübergehen, was seine Kraft bewirkt. Die Berührung geht von der Frau aus! Dadurch bekommt sie neue Kraft und gewinnt eine heilsame Kraft zurück. Wie kann eine solche heilsame Berührung geschehen? Seelsorge im Krankenhaus oder bei Hausbesuchen heilt keine Krankheiten. Seelsorge tut scheinbar nichts. Aber: Seelsorge hört zu und bietet an, den Glauben an das Leben selbst zu berühren. AMEN.