Auf das Kreuz schauen

Vor ungefähr 2 Jahren hing eines Morgens an der Tür meiner Dienstwohnung ein Beutel. So ein Beutel war eigentlich nichts Außergewöhnliches. „Na ja“, dachte ich mir. „Kuchen oder Krapfen, oder sonst wieder etwas zur Brotzeit, was mir Priesterkandidaten oder Gemeindemitglieder schenken wollen.“
Doch diesmal zu meinem Erstaunen: Ein Kreuz mit einem Korpus. Ein Zettel war mit dabei. Ich sage es einmal mit folgenden Worten, was darauf stand:
„Lieber Herr Subregens,
wie sie wissen, ist meine Großmutter vor einiger Zeit gestorben. Sie hatten dankenswerter Weise die Trauerfeier übernommen. Wir haben die Wohnung aufgelöst. Sicherlich ist bei Ihnen das Kreuz gut aufgehoben.
Liebe Grüße.“
Liebe Schwestern und Brüder!
Der Geber hat das Kreuz seiner Oma einfach entsorgt. Wegwerfen kam für ihn scheinbar nicht in Betracht. Vergraben hätte er es noch können. Er hat sich aber dafür entschieden, das Kreuz an einer für ihn zuständigen Stelle abzugeben, die ihm in irgendeiner Weise vertraut war.
Der Karfreitag lädt heute ein, nicht irgendetwas oder irgendeinen abzuschütteln, sondern in besonderer Weise auf den zu schauen, den sie durchbohrt haben: Jesus Christus (vgl. Joh 19,37). Freilich: Wer möchte schon mit dem Kreuz, mit dem Leid und der Not eines Menschen und in der Welt ständig konfrontiert werden? Das ist wohl ein Grund, warum Menschen auf die Idee kommen, Kreuze aus den Schulen verbannen zu wollen. Unzumutbar!
Der Karfreitag konfrontiert uns heute mit einem konkreten und grundlegenden Symbol des Christentums: Das Kreuz. Es lädt uns ein, fremde Not und eigenes Leid auszuhalten und anzunehmen. Wir spüren das in diesen Tagen sehr deutlich: es ist schwer! Da wird uns etwas Unerträgliches zugemutet: Zerstörung und Leid. Maria und der Lieblingsjünger Johannes stehen unter dem Kreuz – sie bleiben und harren aus. Ein Lied beschreibt diese Situation: „Welch ein Schmerz der Auserkornen, da sie sah den Eingebornen, wie er mit dem Tode rang. Angst und Jammer, Qual und Bangen, alles Leid hielt sie umfangen, das nur je ein Herz durchdrang.“
Es gibt Situationen, da kann der Mensch in seiner Begrenztheit nur schweigen, etwa bei Katastrophen und Unfällen, in der Krankheit, im Alter oder unmittelbar am Kranken- oder Sterbebett: Nichts machen können und Aushalten müssen. Unsere Welt und unser Alltag sind manchmal zum Davonlaufen, weil Bemühungen um Frieden und Freiheit enttäuscht werden, weil Reformen zu kurzsichtig sind, Strukturen ungerecht oder ungesund sind, weil Menschen auf Kosten anderer leben.
Aber ist das alles, was der heutige Tag bietet? Bleiben und Aushalten. Unser Entsetzen spüren, unsere Sprachlosigkeit, unsere Machtlosigkeit, unsere Hilflosigkeit! Ist diese Handlungsweise nicht eine Entschuldigung, die Hände in den Schoß zu legen? Bleiben und Aushalten - das ist sehr viel, weil dadurch Leid, Not und Tod und die vielen Tode des Menschen nicht verdrängt und weggewischt, sondern wahr-, ernst – und angenommen werden. Wesen des Christentums ist das Mitleiden des Menschen. Und Christen tun das immer, trotz allem, als hoffende Menschen, dass es irgendwie doch noch gut wird und sich alles zum Guten wendet! Und welche Rolle spielt Gott dabei? Ist er nicht auch einer, der aushält und gewähren lässt- zu viel, so dass sogar sein Sohn am Kreuz sterben muss? „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“
Liebe Schwestern und Brüder!
Das Kreuz im Beutel hat dann doch noch einen Platz in meiner Dienstwohnung gefunden, sein Kreuz abzulegen. Schließlich wollen wir als Kirche auch ein spiritueller Ort sein, an dem das Kreuz Christi und die vielen Kreuze im Alltag der Menschen und in der Welt zur Sprache kommen – im Gebet, in der Meditation, in der Schriftbetrachtung, im Gespräch mit Gott. Die weltweit zahlreichen Friedensgebete an unterschiedlichen Orten stehen für Solidarität und Hilfsbereitschaft vieler Menschen.
Aber der Geber hätte auch selbst auf den Gekreuzigten Jesus Christus schauen können: „Wenn ich von der Erde erhöht bin, werde ich alle an mich ziehen“, sagt Jesus und meint seine Erhöhung und auch unsere Auferstehung durch den Vater. Vielleicht hätte auch er das Kreuz Jesu Christi gut gebrauchen können, um den Verlust seiner Oma auszuhalten und Hoffnung zu schöpfen, weil da am Kreuz einer hängt, der im Leid und im Scheitern unser Bruder und in der Auferstehung unser Herr geworden ist.
ER steht an allen unseren Gräbern, wie bei Maria von Magdala. ER führt und begleitet uns auf den einsamen Wegen aller traurigen Verluste, wie die Emmausjünger. ER geht durch die verschlossenen Türen unserer ängstlichen Herzen, wie die Jünger am Ostermorgen.
Amen.