10. Sonntag im Jahreskreis - Festhaltungen & Loslassen

Liebe Schwestern und Brüder,
1. „die Angehörigen kommen und wollen Jesus mit Gewalt zurückholen, denn sie sagten: Er ist von Sinnen.“ Der griechische Urtext lässt eine viel stärkere Formulierung zu: sie wollen ihn festhalten, mit Gewalt und mit Macht. Das muss man sich mal vorstellen: Jesus ist 30 Jahre alt, quasi ein junger Mann. sie wollen ihn festhalten, mit Gewalt und mit Macht.
2. So haben sich die Angehörigen den Lebensweg Jesu nicht vorgestellt! Alles hat doch gut angefangen – in der Schreinerwerkstatt seines Vaters. Was ist denn bloss in diesen Buben gefahren, dass er sich so aufführt. Die Leute rennen ihm nach. Er gibt sich mit Sündern und Kranken ab. Er soll sich lieber um seine Mutter kümmern.
3. Die Angehörigen haben sich im Laufe der Zeit ein Bild von Jesus gemacht, das gar nicht mehr mit der Realität übereinstimmt. Das kann und darf nicht sein! Du kommst jetzt gefälligst mit und pfeifst nach unserer Pfeife.
4. Wir kennen das: Eltern gegenüber ihren erwachsenen Kindern. Es funktioniert nicht oder nur bedingt! Festhalten, zurückholen, auf den rechten Weg bringen. Das Verhalten der Angehörigen gleicht einer Entmündigung und steht der Eigenverantwortung des Menschen in Freiheit und Selbstbestimmung entgegen. Aber auch umgekehrt: Die erwachsenen Kinder ihren alt gewordenen Eltern gegenüber, die sich aufgrund von physischen und physischen Beeinträchtigungen verändern und nicht mehr so sind, wie es früher einmal war. Das ist ein schmerzhafter Prozess verändernder Beziehungen – auch des Loslassens und Abschiednehmens.
5. Festhalten und Loslassen gehören zusammen. Wo muss ich loslassen? Wo darf ich festhalten? Wo darf ich loslassen – in einem großen Vertrauen? Was muss ich festhalten – weil es mir wichtig und wertvoll ist? Festhalten und Loslassen in einer gewissen Balance, in einem gesunden Maße.
6. Die Angehörigen haben sich ein bestimmtes Bild von Jesus gemacht, an dem sie festhalten wollen. Vielleicht auch gut übertragbar auf unser Gottesbild! Welches Gottesbild hat mich geprägt und wie hat es sich im Laufe der Zeit weiterentwickelt im Loslassen– auch aufgrund meiner Lebens- und Glaubenserfahrungen? Das Festhalten und Loslassen – alles hat seine Zeit und seine Stunde. Umarmen und wieder loslassen – alles hat seine Zeit und seine Stunde.
7. „Leben heißt, Menschen und Dinge umarmen und wieder loslassen, nichts und niemanden besitzen wollen und über jeden Stern jauchzen, der vom Himmel fällt“ (Phil Bosmans). Manchmal glaube ich, dass es die Kunst des Lebens ist, das Loslassen einzuüben. Alles ist in uns auf Festhalten programmiert: in der Welt, in unserer Gesellschaft, in der Kirche, im persönlichen Leben! Umso wichtiger das Loslassen einzuüben – denn nur leere Hände können wieder neu gefüllt werden. Oder wie es in der heutigen Lesung des Apostels Paulus heisst: „Uns die wir nicht auf das Sichtbare, sondern auf das Unsichtbare blicken; denn das Sichtbare ist vergänglich, das Unsichtbare ist ewig.“. Amen.